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Die Tres Hombres hat im Kattegat umgedreht, da der Wind aus der falschen Richtung und die Wellen zu bockig waren. Wir warten auf günstigere Bedingungen. Die zwei Tage vor Anker im Lee der Insel Seeland sind für Sami zu viel Verspätung. Der Hüne aus Finland ist in Bornholm an Bord gekommen und hat sich schnell integriert. So bedauern wir alle, dass er seine Sachen packt und sich im Dinghy an Land bringen lässt, um rechtzeitig an seinen Arbeitsplatz zurück zu kehren. Nun sind wir nur noch 14 Personen an Bord, auf Wache wird jemand fehlen. Deshalb muss der Bootsmann Hanjo seine Rolle wechseln und als Ersatz für den Trainee Sami sich in eine der beiden Wachen integrieren: Für die Manöver braucht es auf einem traditionellen Schiff genug Hände.

15 Personen um ein Schiff zu bedienen, dessen Laderaum rund anderthalb 20-Fuss-Container (=TEU) gross ist. Auf den Megacarriern transportieren sie bis zu 24 000 TEU mit knapp 10 Personen mehr an Bord. Das ergibt allein beim Verhältnis Arbeitskräfte zu Transportmenge eine Produktivitätssteigerung gegenüber der Tres Hombres um den Faktor 16 000. Hinzu kommt der Faktor Zeit: Die grossen Schiffe sind schneller.

Disruptive Produktivitäts-Steigerung

Das Beispiel ist extrem, da die Tres Hombres eigentlich zu klein ist. Doch es zeigt den immensen Zuwachs an Produktivität, der innerhalb der sieben Jahrzehnte meines Lebens nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft tiefgreifend verändert hat. Zugleich wurde rund die Hälfte der Treibhausgase, die heute die Klimakatastrophe befeuern, in dieser Zeit in die Luft geblasen.

In meiner Jugend half ich jeweils während der Schulferien auf einem abgelegenen Bauernhof im Emmental. Am Morgen und Abend brachte ich mit dem Pferd die Milch zur Sammelstelle, massierte beim Melken – damals noch von Hand – die Euter der Kühe, damit die Milch in die Zitzen einschoss, oder half im Herbst beim Pflügen die Pferde führen. Steile Hänge wurden mit der Seilwinde gepflügt: Der Bauer nahm den Pflug, der am Drahtseil befestigt war, und lief damit den Hang hinunter. Ich musste an der Winde die Bremse bedienen, damit er nicht vom Pflug überrollt wurde. Dann setzte er den Pflug an, hob die Hand, ich legte den Hebel ein und die Winde begann, das Drahtseil aufzuwickeln. Der Bauer liess sich auf dem Pflug stehend hinaufziehen, um diesen mit seinem Gewicht genug tief in die Erde zu drücken. Oben angekommen hob er wieder den Arm und ich musste die Seilwinde stoppen. Meine Arbeit war körperlich nicht schwer, doch übertrug man mir doch in jungen Jahren erhebliche Verantwortung und es gab auch einen kleinen Lohn. Vier Erwachsene bewirtschafteten sieben Hektaren – und waren froh, zeitweilig dem Ferienbub gewisse Aufgaben zu übergeben, damit eine erwachsene Person anderen Arbeiten nachgehen konnte.

Damals wurde das Getreide zuerst so gemäht, dass alle Halme in die gleiche Richtung zeigten, dann haben wir sie mit einem Rechen zu kleinen Häufchen zusammengeschoben. Anschliessend nahmen wir diese mit einem hölzernen Gerät auf, das aussah wie ein Krummsäbel, und legten immer einige Häufchen auf die ausgelegten Garbenschnüre. Diese trugen am einen Ende einen Knopf aus Holz. Der Bauer zurrte dann die Schnüre zusammen, indem er die Schnur mehrfach um den Knopf wickelte. Die so gebildeten Garben stellten wir zu «Puppen» zusammen, damit Stroh und Ähren weiter trocknen konnten. Schliesslich wurden die Garben per Pferdefuhrwerk eingebracht und im Winter dann das Korn gedroschen.

Was ich damals erlebte, entspricht der Rolle von Kindern ab etwa sieben Jahren während Jahrtausenden: Sie waren eingebunden in die Produktion, die das Überleben der Familie und der Gesellschaft sicherte. Dass dies teilweise in schlimme Ausbeutung ausartete, etwa indem Waisen auf Schweizer Höfen bis ins 20. Jahrhundert als «Verdingkinder» gehalten wurden, will ich hier nicht beschönigen. Vielmehr geht es mir um die ökonomisch produktive Rolle von Kindern.

Ein halbes Jahrhundert später sass ich als Journalist für eine Reportage mit in einem Mähdrescher: Sensor-gesteuerte automatische Anpassung an die Hangneigung, Bedienung per Touchscreen, Hightech, klimatisierte Kabine. Da gibt es keinen Job mehr für einen Ferienbuben. Entsprechend hat sich die ökonomische Rolle der Jugend gewandelt. Kinder und Teenager sollen nun ihr Umfeld bestürmen, sie benötigen dieses oder jenes neue elektronische Gerät, da alle anderen in der Schulklasse auch schon eins haben. Die Jugend als Einfallstor, um die Produkte beschleunigter Innovations-Generationen in den Markt zu drücken. Ihre Jahrtausende alte produktive Rolle hat sich in den hochentwickelten Ländern ökonomisch verkehrt in eine Konsumfunktion.

Konsumkapitalismus

Die im Laufe meiner Generation in der gesamten Wirtschaft entfesselte Produktivität, die ich am Beispiel der Landwirtschaft erlebt habe, führt tendenziell zu Überproduktion. Die mit hohem Energie-Einsatz technisch ermöglichten Überschüsse müssen verkauft werden. Der Zugang zu Märkten – möglichst global – wird entscheidend. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Zölle als Behinderung des Marktzugangs sich als Mittel politischer Erpressung eignen.

Dabei gibt es eine deutliche Arbeitsteilung: In Ländern wie der Schweiz werden nur relativ wenig Konsumgüter hergestellt. Vielmehr werden oft als Innovationsstandort die Produktionsmittel für die Konsumgüterproduktion weiter entwickelt und exportiert. Die Mehrheit der Konsumgüter wird dagegen in Ländern mit tiefen Löhnen hergestellt. Somit sind zunehmend die sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer mittlerweile die eigentlichen Industrienationen.

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Ocean Rebellion Containerkritik

Ein Aufruf der Englischen Organisation Ocean Rebellion.

Die Schifffahrtsindustrie dient nicht nur den zunehmend komplexeren Lieferketten, sondern auch der Verteilung der Produkte. Beispiel: Beim interkontinentalen Schweizer Handel hängen 94 Prozent des Imports und 92 Prozent des Exports von der Hochseeschifffahrt ab. Die Hälfte der zehn wichtigsten Schweizer Exportmärkte liegen auf anderen Kontinenten. Dieser Überseehandel macht wertmässig 40 Prozent der Importe und 50 Prozent der Exporte aus.

Das Ganze funktioniert nur, wenn die Produkte auch gekauft werden. Kulturell bedeutet dies, dass BürgerInnen – im Sinne des französischen Citoyen – in die Rolle von KonsumentInnen gedrängt werden. Die Menschen sollen die Zeit, die sie beim technisch unterstützten Produzieren gewinnen, mit (Über-)Konsumieren ausfüllen. Der Lifestyle soll Identität stiften, Shopping die Freizeit gestalten, der Konsum prestigeträchtiger Marken den Status markieren. Die KonsumentInnen sollen durch ihr Kaufen den Eindruck bekommen, an der Gesellschaft teilzuhaben. «Früher produzierte man Waren, um Bedürfnisse zu befriedigen; heute produziert man Bedürfnisse, um Waren zu verkaufen», wird der US-amerikanische Professor Benjamin Barber zitiert (Wikipedia, o.J.). Das Marketing bekommt einen entscheidenden Stellenwert, wobei die dortigen Spezialisten wissen, «dass den produzierten überflüssigen Plunder von sich aus niemand kaufen würde. Er muss zuvor den Menschen als erstrebenswert nahegebracht werden.» (Burkhardt, 2016)

Die Waren von heute sind der Abfall von morgen 

Dieser Konsumkapitalismus mündet in einen verschwenderischen Ressourcen-Verbrauch und die entsprechende Verletzung der planetaren Grenzen. So liess bereits 2018 eine wissenschaftliche Studien des Schweizer Bundesamt für Umwelt keinen Zweifel daran, dass wir die planetaren Belastungsgrenzen nur mit einer deutlichen Reduktion des Rohstoffverbrauchs respektieren können. Die Bandbreite einer nachhaltigen Materialnutzung im Jahr 2050 würde zwischen 3 bis 6 Tonnen pro Person und Jahr liegen. «Heute liegt der konsumbedingte Rohmaterialbedarf bei 20 Tonnen […] pro Person. Damit ist eine Reduktion […] von 75 Prozent erforderlich.» (Frischknecht et al. 2018)

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Altkleider-Müll in chile

Konsumkapitalistische Müllhalde: Die chilenischen Atacama-Wüste ist einer der Orte, an dem sich Altkleider aus der Fast-Fashion-Produktion zu Bergen häufen. Nach Chile wurden sie per Schiff verfrachtet. (Bild Antonio Cossio, dpa)

Die Forderung nach einem um drei Viertel geringeren Rohstoffverbrauch lässt sich nicht verallgemeinern. Vielen Menschen im globalen Süden steht so gut wie nichts zur Verfügung, sie haben ein Recht auf mehr. Armut ist die Rückseite der Konsumismus-Medaille. Berücksichtigt man jedoch, dass der heutige Lebensstil der Menschheit sich nur aufrechterhalten liesse, wenn wir 1,6 Planeten hätten – der Konsum in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland würde sogar rund drei Planeten erfordern –, dann ist es nötig, von fünf transportierten Tonnen deren zwei wegzulassen.

Der Alltag der Seeleute auf den Segelfrachtern des 19. und 20. Jahrhunderts war in keiner Weise «romantisch», wie es beispielsweise Eric Newby anschaulich in «Das letzte Weizenrennen» zeigt (Newby, 1968). Eine solche Arbeitswelt wäre ein Rückschritt. 

Dass auf Schiffen wie der Tres Hombres aus ökonomischer Sicht «unproduktiv» gearbeitet wird, ist deshalb nicht einfach nur eine Traditions-Liebhaberei. Es geht nicht um Rückkehr in eine «gute alte Zeit», die nie wirklich gut war. Vielmehr stellen die traditionell handwerklich segelnden Frachtschiffe den industriellen Produktivismus in Frage, der nicht nur zu einer verschwenderischen Schwemme an Konsumgütern und Abfallbergen unter anderem in den Meeren führt. Sondern auch zu einem fossilen Energieverbrauch, der die physikalischen, chemischen und biologischen Systeme des Planeten (die 11 000 Jahre lang so stabil waren, dass sich Zivilisation überhaupt entwickeln konnte) grundsätzlich und nachteilig verändert.

«Wollt Ihr zurück in die Steinzeit?», werden Wachstumskritiker oft polemisch gefragt. Nein, das wollen wir gerade verhindern, indem wir – als die eigentlich Konservativen – die Lebens und Wirtschaftsgrundlagen bewahren wollen. Diese werden gerade durch die vom Konsumkapitalismus angeheizte Erwärmung gefährdet. So stellt das Institut Oxford Economics fest: «Eine Erwärmung um 2,2 °C könnte zu einem Rückgang der prognostizierten globalen Wirtschaftsleistung um 20 Prozent im Jahr 2050 führen (...). Eine Ausweitung der Prognosen auf längere Zeiträume deutet darauf hin, dass eine Gesamterwärmung um etwa 5 °C bis zum Jahr 2100 zur wirtschaftlichen Vernichtung führen würde.» (Oxford Economics, 2022)

 

Quellen

Bierhoff, Burkhard (2016): „Aufstieg und Elend des Konsumkapitalismus – Ambiguitäten und Transformationschancen heute,“ in: Fromm Forum (Deutsche Ausgabe – ISBN 1437-0956), 20 / 2016, Tuebingen (Selbstverlag), pp. 17-24. https://fromm-gesellschaft.eu/wp-content/uploads/2016/01/Bierhoff_B_2016.pdf 

R. Frischknecht, C. Nathani, M. Alig, P. Stolz, L. Tschümperlin, P. Hellmüller (2018): Umwelt-Fussabdrücke der Schweiz / Zeitlicher Verlauf, 1996–2015. Bern: Bundesamt für Umwelt, S. 103. https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/wirtschaft-konsum/publikationen-studien/publikationen/umwelt-fussabdruecke-der-schweiz.html 

Newby, Eric (1968): Das letzte Weizenrennen. Bielefeld – Berlin, Delius, Klasing & Co

Ocford Economics (2022): Temperature volatility comes at a price to worldwide growth. https://www.oxfordeconomics.com/wp-content/uploads/2022/12/Temperature-volatility-comes-at-a-price-to-worldwide-growth.pdf 

Wikipedia-Artikel «Konsumkapitalismus», https://de.wikipedia.org/wiki/Konsumkapitalismus 

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