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Gespeichert von d.haller am

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Text, der ursprünglich für die Textsammlung «die Schweiz und die Ozeane» des Schweizer Thinktanks Denknetz publiziert wurde: Kai Kaschinski / Daniel Haller
 

Fragen zur Ernährungssicherheit, zur Ressourcenkrise, zum Welthandel, zum Umweltschutz, und zu Migration sind heute nur unter Berücksichtigung der Lage auf den Ozeanen umfassend zu diskutieren. Die Meere sind schon lange mehr als nur Handelsweg und Fanggebiet. Sie verändern sich grundlegend. Sie sind zum Produktionsstandort und Ressourcenlager geworden. Fisch wird nicht nur gefangen, sondern gezüchtet und genetisch verändert. Fast die Hälfte der Fische und Meeresfrüchte, die verzehrt werden, werden heute in der Aquakultur hergestellt. Moderne Containerschiffe, ihre uniformen Boxen und eine intelligente Logistik machen die Schifffahrtswege zum festen Bestandteil der internationalen Produktionsprozesse. Globalisierung ist ohne den Containerverkehr nicht denkbar. Der Seeverkehr bewegt gemessen an ihrem Gewicht rund 90 Prozent der internationalen Güter. 

Energiehunger auf See 

Das auf dem Weltmarkt verfügbare Erdöl und -gas stammt inzwischen zu rund einem Drittel aus dem Meer – mit steigender Tendenz. Über zwei Millionen Menschen arbeiten auf tausenden von Offshore-Plattformen, die sich vor den Küsten mit ihren Förderanlagen zu den marinen Lagerstätten vorgraben. Zu den Erdölplattformen kommen zahlreiche Windkraftwerke hinzu, mit denen die Energieproduktion in erheblichem Umfang auf See verlagert wird. Kabel und Pipelines durchziehen den Meeresboden. Dreistellige Milliardensummen werden allein für den Bau von Windenergieanlagen in der Nord- und Ostsee ausgegeben. Wer diese auf einem Schiff überquert, stellt fest, dass sich nachts die roten Lichter auf den Windkraftwerken von Horizont zu Horizont erstrecken. Was als Alternative zu Atom- oder Kohlekraftwerken willkommen ist, wird fragwürdig, wenn man weiss, dass jede einzelne Windkraftanlage während ihrer Betriebszeit zehn Tonnen Opferanoden für ihren Korrosionsschutz verbraucht. Welche Auswirkungen die im Wasser gelösten Metalle auf die Meeresorganismen haben, beginnt man nun nachträglich zu erforschen. Die Idee, die fossile Industrie wegen ihrer Probleme durch eine nächste zu ersetzen, könnte sich als ökologische Fehlkalkulation entpuppen. Der Überkonsum an Land führt zudem zu höherem Transport- und damit Energiebedarf auf See: 

Küstengebiete werden für den Energiehunger grossflächig in Schachbrettmuster unterteilt. Entlang der Westküste Afrikas haben die Staaten ihre Wirtschaftszonen in eine Unzahl von einzelnen Claims aufgeteilt. Dass die Vergabe der Öl- und Gas-Förderlizenzen an internationale Konzerne nicht immer im legalen Rahmen erfolgt, zeigt sich daran, dass der Rohstoffkonzern Glencore aus Baar (ZG) eine Milliarden-Busse wegen Korruption akzeptieren musste. Bestechung war unter anderem in Äquatorialguinea ein Thema, wo sich Glencore an einem Offshore-Gasfeld beteiligt hat. 

Die Küsten sind der Ausgangspunkt für den Industrialisierungsprozess auf den Weltmeeren. Sie stellen das neue Grenzland dar. Von hier geht der Vorstoss ins Meer aus. Die Erdölförderung mit all ihren Konsequenzen hat die Tiefsee bereits erreicht. Das tragische Paradebeispiel für die damit einhergehenden Umweltrisiken und die sozialen Bedrohungsszenarien ist die Explosion der Deepwater Horizon mit anschliessender Rekordölpest im Golf von Mexiko. Die Bohrinsel gehörte der Firma Transocean mit Sitz in Steinhausen (ZG). 


Ocean Grabbing mittels Tiefseeschürfen 

Doch auch die für die Dekarbonisierung nötige Elektroindustrie plant den Zugriff auf den Meeresboden. Der nächste bevorstehende Schritt in der Industrialisierung der Meere ist die Erweiterung des Abbaus mariner mineralischer Ressourcen. Entsprechend der Entwicklung im Erdölsektor wird die Erschliessung der Lagerstätten von Manganknollen, Massivsulfiden und Erzkrusten in der Tiefsee geplant. Mittlerweile ist es keine Frage mehr des Ob, sondern nur noch eine Frage des Wann. Die auf das Verlegen von Unterwasser-Pipelines spezialisierte Reederei Allseas in Châtel-Saint-Denis (FR) entwickelt die Maschinen, um Mineralienknollen aus tausenden Metern Tiefe an die Meeresoberfläche zu holen. Glencore ist am kanadischen Allseas-Partner The Metals Company beteiligt. Zwar hat sich der Schweizer Bundesrat für ein Moratorium für den Tiefseebergbau ausgesprochen, was aber weniger konsequent ist als Frankreichs Regierung: Diese fordert ein Verbot. 

Es geht um eine nachholende Industrialisierung, eine qualitativ neue Entwicklung, eine Kulti- vierung der See, die mit dem Tiefseeschürfen eingeleitet wird. Dahinter steht die Motivation, hier einen neuen Wirtschaftsraum schaffen zu wollen, dessen Ressourcen verwertbar gemacht und den Produktionsprozessen zugeführt werden, um Wachstum zu erzeugen. Die Vorgehens- weise bei dieser Integration der Meere in die globalisierte Ökonomie ähnelt indes mehr neoliberalen Strategien als der Utopie von einem unbekannten Land, dessen Entdeckung allen Menschen zugutekommen soll. Die im UN-Seerechtsübereinkommen verankerte Idee vom Meer als Gemeingut der Menschheit, ihrem letzten Erbe, wird in diesem Prozess von vielen Seiten her in Frage gestellt. Stattdessen werden Nationalisierungs- und Privatisierungsabsichten verfolgt. 

Die sich auf See entfaltende Dynamik ist in dieser Hinsicht in erster Linie eine Reaktion auf die Ressourcenkrise an Land und lässt sich mit dem weltweit intensivierten Zugriff auf Natur erklären. Mit der Industrialisierung der Meere sollen wie mit der Green Economy noch einmal die planetaren Grenzen für Rohstoffe und die Belastung der Ökosysteme verschoben werden. Es wird Platz geschaffen, um die alten Fehler noch einmal wiederholen zu können und sich nicht mit ihren Konsequenzen auseinandersetzen zu müssen. Dazu passt die gern gehörte Botschaft, mit innovativ-grüner Technik sei die Klimakrise zu bändigen – gern gehört, weil sie den fatalen Eindruck verstärkt, man könne weitermachen wie bisher. Dabei fordern KlimawissenschaftlerInnen wie Johan Rockström, bis 2030 müsse «der tiefgreifendste Wandel stattfinden, den die Welt je erlebt hat». 

 

Von Einbäumen zu schwimmenden Fischfabriken 

Als eine der ältesten menschlichen Nutzungen der Meere war die Fischerei als erstes von der Industrialisierung betroffen. Trawler orten die Fischschwärme mit Hilfe modernster Echolote und werfen ihre Netze in immer grössere Tiefen aus. 600 Tonnen Fisch können die Supertrawler täglich an Bord holen. Tausende von Tonnen werden dort während einer Fahrt direkt verarbeitet und gefrostet. Während die industriellen Fischfangflotten so in etwa die Hälfte der Weltfangmenge einbringen, wird die andere Hälfte von der Kleinfischerei gefangen, in der sowohl motorisierte Krabbenkutter als auch Einbäume zusammengefasst werden. Angesichts der Überfischung der Bestände steigt der notwendige Aufwand, um die Netze zu füllen, beständig. 

Vor diesem Hintergrund ist die Fischerei global gekennzeichnet durch eine Konkurrenz zwischen Kleinfischerei und industrieller Fischerei. 2012 bei der Vorstellung seines Berichts «Fisheries and the Right to Food» verglich der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung die Art und Weise, wie sich die Reedereien grosser Industrieschiffe die marinen Nahrungsressourcen aneignen, mit dem Land-Grabbing und prägte den Begriff des Ocean-Grabbings. 2024 doppelte er nach: «Das Meer ist unsere Mutter und die Flüsse sind ihre Verwandten. Staaten und Unternehmen müssen aufhören, Ozeane und Flüsse auszubeuten und sie wie eine Warenquelle zu behandeln, und stattdessen anerkennen, dass Ozeane und Flüsse eine Quelle des Lebens sind.» 

Als Binnenland hat die Schweiz keine eigene Fischereiflotte. Doch die Kühlregale in den Läden sind voll mit Meeresprodukten. Ein Video der NGO The Outlaw Ocean Project zeigt die Lieferkette für Tintenfisch: Gefangen teilweise von illegalen Booten, auf denen Menschen- rechte nichts gelten, auf See umgeladen auf legale Schiffe, in China verarbeitet durch uigurische Zwangsarbeiter und dann in alle Welt – unter anderem in die Schweiz – exportiert. Angesichts der von Outlaw Ocean aufgedeckten Zwangsarbeit in chinesischen Fischfabriken wird klar: Der Konsum von Meeresfischen ist nicht nur mit ökologischen, sondern auch mit grossen sozialen und Menschenrechts-Problemen behaftet. Dies nicht zuletzt, weil der Seetransport so billig ist, dass das Ausnutzen weltweiter Lohndifferenzen allemal profitabel ist. Und im Seetransport sind Unternehmen aus der Schweiz eine Grossmacht. 

 

Die Meere ins Blickfeld rücken 

Die Industrialisierung des Fischfangs bedroht im globalen Süden die Existenz vieler Kleinfischer, deren Fanggründe von den Fischfabriken zerstört werden. Der Klimawandel heizt die Meere auf, senkt den Sauerstoffgehalt, versauert das Wasser und bedroht so die Artenvielfalt. Tiefseebergbau droht Lebensräume zu zerstören, die noch nicht einmal erforscht sind. Parallel zu den weiterhin betriebenen Bohrinseln verwandeln Windparks Flachmeere wie die Nordsee in Industriegebiete. Dies alles im Dienste der Profite, der Bequemlichkeit und des Überkonsums an Land – viele Gründe, Meeresfragen in die Kultur-, die Entwicklungs-, die Klima-, die Menschenrechts-, die Lieferketten-, die Energie-, die Wirtschafts- und die Umweltpolitik zu integrieren. 

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