Montag, 1. Juni 2026: Die Butter ist weich, superweich. Das ist sie jetzt wohl auch in Blankenberge. Dort sind wir am Freitag vor einer Woche am Morgen früh mit ablaufender Tide und Wind von achtern aus dem Hafen gesegelt. Gestern Morgen um 6 Uhr sind wir nach neun Tagen auf See hier in La Rochelle eingelaufen. Die ungewöhnliche Mai-Hitzewelle an Land hat uns auf dem Meer immer wieder Flauten beschert. Oft drifteten wir stundenlang und konnten kaum Kurs halten. Die im Ärmelkanal starke Tide trieb uns teilweise nach Westen, was uns half. Dann aber verloren wir wieder gewonnene Strecke. Vor Dover kreuzten wir stundenlang gegen eine zwischenzeitlich aufkommende Brise aus Westen. Nicht um «Höhe» nach Westen zu machen, sondern um nicht zu stark nach Osten abgetrieben zu werden.
Müssen wir oft auf Wind warten, wird der Pullover schneller fertig.
An einem Abend zogen im Süden über der Bretagne dunkle Gewitterwolken auf. Wir stürzten uns in die Regenkleider, doch nach ein paar wenigen Tropfen zogen die Wolken weiter. Gleichzeitig feuerte im Norden über Cornwall ein Gewitter ganze Blitz-Salven – zu weit weg um den Donner zu hören. Über dem Meer blieb es still. An einem Flautentag dann eine Mann-über-Bord-Übung. Am Schluss sprang Kapitän Arthur als erster ins Wasser, die halbe Mannschaft folgte. Ich verzichtete, denn gerade kurz davor hatte ich auf dem Vordeck meine Eimer-Dusche mit Seewasser. Wassertemperatur 16 Grad. In Windstillen Nächten blieb es an Deck erstaunlich mild. Und als ich Brot gebacken habe – das machen wir immer nachts – kam ich beim Teig-kneten richtig ins Schwitzen.
Als wir endlich den Ärmelkanal hinter uns hatten, ging es in der Biskaya in Richtung Südosten geradewegs in Richtung La Rochelle. Zumindest war «geradewegs» auf dem Bildschirm im Navigationsraum eingezeichnet. Wir fuhren beziehungsweise trieben immer wieder Flautenschnörkel. Zwischendurch machten wir aber auch 8 Knoten, und das Schiff rollte in der vom Atlantik her einlaufenden Dünung: Da kam endlich Segelgefühl auf.
Angesichts des extrem leichten Wetters war ich negativ überrascht, dass mein rechtes Hörgerät ausgestiegen ist. Die feuchte Meeresluft behagt elektronischen Geräten nicht. Ich packte dann alles zusammen mit Reis in einen dichten Sack. Hier in La Rochelle hatte der Reis dem Gerät wieder so viel Feuchtigkeit entzogen, dass es wieder funktioniert. Aber auf See werde ich es nicht mehr benutzen.
Positive Überraschung beim ersten Landgang: Auf der Promenade am Hafen ist die Klimaerwärmung seit der industriellen Revolution aufgemalt: blau für die kühlen, rot für die warmen, dunkelrot für die heissen Jahre. Mit Infotafeln in französisch und englisch. Eindrücklich. Eine solche Aktion hätte ich auch gern in der Schweiz. Beispielsweise auf der Bundesterasse. Allein die politische Diskussion um die Bewilligungen für das Streifen-Diagramm würde das Klima wieder stärker in die Öffentlichkeit rücken.
Unglaubliche Lebens-Vielfalt im Meer
Mittwoch, 3. Juni 2026: Gestern Nachmittag einen halben Tag frei genommen von der Arbeit an Bord, für einen Besuch im Meeres-Aquarium gleich hier am Hafen. Angegeben ist eine Besuchszeit von anderthalb Stunden. Ich war gegen vier Stunden drin. Da wo man sich mit Blick auf grosse Becken hinsetzen kann, blieb ich oft lange. Auch nach 20 Mnuten entdeckt man immer noch neue Arten von Fischen. Eine unglaubliche Vielfalt an Formen der Rümpfe, Köpfe, Flossen, Schwänze, Augen, und Farben. Dazu Muscheln, Korallen, See-Amenonen, Seegurken, Krebsen, und, und und… Dabei ist das nur ein Ausschnitt der rund 10 Prozent des marinen Lebens, die wir bereits kennen. Die Wissenschaft erwartet noch Millionen weitere Arten, die es zu entdecken und zu beschreiben gilt, vor allem deren Rolle in den marinen Ökosystemen.
Was hingegen im Aquarium – immerhin auch ein Forschungszentrum – fehlt, ist der Hinweis auf die Bedrohung durch die Klimaerhitzung und die Meeres-Versauerung. Rund die Hälfte der marinen Spezies ist vom Aussterben bedroht. Und dea Verbrennen von einem Liter Benzin macht 30 Kubikmeter Wasser für Fische, die hier in ihrer Pracht zu bewundern sind, unbewohnbar.
Das tödliche Trio aus Erwärmung, Sauerstoffmangel und Versauerung betrifft auch ein Binnenland wie die Schweiz. Beispiel: Die Biomasse sterbender Organismen wird im Meer von Bakterien verdaut. Dabei entsteht unter anderem Schwefeldioxid. Diese Moleküle dienen als Kondensationskern, damit aus den Wasser-Aerosolen, die bei der Verdunstung entstehen, Tröpfchen entstehen: Nebel und Wolken, und damit irgendwann auch Niederschlag. Wie sich diese Verkettung physikalischer, biologischer und chemischer Prozesse mit dem Klimawandel auf die Niederschläge in der Schweiz verändern wird: Fragezeichen! Dass uns im Winter zunehmend der Schnee zu Skifahren abhanden kommt, wäre ja noch zu verschmerzen. Aber was bedeutet das für die Landwirtschaft und somit unsere Nahrung?
Vor Jahren gab es in Basel eine Volksabstimmung zur Finanzierung eines Ozeaniums beim Zoo. Das wurde abgelehnt. Nach meinem Besuch im Aquarium hier in La Rochelle bedaure ich das. Eine Institution, die den Menschen aufzeigt, welch reiches Leben es in den Meeren gibt und was wir daran sind, mit Treibhausgasen zu zerstören, wäre eine politische Forderung, die wir in eine neue Maritime Strategie aufnehmen müssten.
Kakao aus- und Wein eingeladen
Donnerstag, 24. Juni: Das Rückwärts-piep-piep-piep des Traktors, der mit seinem Hubstapler-Arm die Paletten aus dem grossen Lastwagen hievte, wollte kein Ende nehmen. So eifrig wir die Kartons von den Paletten nahmen und über eine improvisierte Rutsche ins Schiff gleiten liessen, es wurden immer mehr. Zum Mittagessen teilten wir uns auf: Während die einen sich verpflegten, arbeiteten die anderen weiter. Denn das Wetter spielte nur teilweise mit: Immer wieder fegten Sprühregenböen von er See her über den Hafen. Jetzt ist der Laderaum bis zum Rand gefüllt und das Schiff liegt rund 35 Centimeter tiefer im Wasser. 20 000 Flaschen, mehr geht nicht.
Kapitän Arthurs Rückreise nach England ist gesichert.
Zuvor mussten wir den Laderaum komplett leeren, den Kakao für das Partnerprojekt Fréres de la Côte löschen, die Seil-Reserven anderswo unterbringen und Kapitän Arthurs Motorrad auf den Ponton hieven, denn er fährt von hier – Kapitänswechsel – zurück nach England.
Der Aufbruch nach Kopenhagen ist für Sonntag geplant. Mal sehen, was der Wind macht.