Guter Wind schaffte für die Reise von La Rochelle nach Kopenhagen ideale Segelbedingungen. Die damit verbundenen Wellen wurden für einige jedoch zur Belastung. Das Deck war durchgehend nass. Und Küchenarbeit wurde zur Herausforderung.
Die Butter war wieder hart. Auf See war ich – Mitte Juni – froh über Thermo-Unterwäsche und habe teilweise Handschuhe getragen. 10 Grad fühlt sich bei stetem Wind deutlich kälter an. Und den Wind hatten wir überwiegend von vorn. Doch immerhin hatten wir welchen, im Gegensatz zur Reise von Blankenberge nach La Rochelle. Guten Wind sogar. In nur 12 Tagen schafften wir es es von La Rochelle nach Kopenhagen und lagen dabei ausser im Ärmelkanal, den wir mit Wind von hinten in knapp zwei Tagen durchsegelten, auf Am-Wind-Kurs. Vor dem Wind rollt das Schiff in den von hinten kommenden Wellen von Backbord nach Steuerbord, von Steuerbord nach Backbord… Und am Wind krängt es, bekommt aber die Wellen schräg von vorn. Das Deck war entsprechend fast durchgehend nass von der Gischt, die der Bug aufwarf, wenn das Schiff, nachdem es sich zuerst in der Welle aufbäumt, hinter dieser ins Tal abtaucht. Und von den Wellen, die unter dem Schanzkleid hindurch sich an Deck verirren.
Da war für viele nicht nur die Butter hart. Vor allem in der Biskaya standen viele Gesichter auf Halbmast und regelmässig lehnte sich jemand im Lee über die Reling, um die Fische zu füttern. Nicht hinschauen! Denn der eigene Magen ist auch flau, und Seekrankheit findet nicht zuletzt auch im Kopf statt. Also möglichst an etwas anderes denken. Einmal überkam es mich dann doch. Dann aber war’s gut. In der Koje hatte ich Cashewnüsse, die ich Liegen ass. Ansonsten war der Appetit stark gerefft.
Rodeo-Brot
Jede zweite Nacht steht man von 20 Uhr bis Mitternacht und von vier bis 8 Uhr an Deck. Ende November beim Wintertrip eine dunkle, kalte und oft regnerische Angelegenheit. Da war ich am Morgen jeweils fertig. Jetzt im Sommer geht nach 22 Uhr die Sonne unter und wenn man nach kurzem Schlaf um vier erneut an Deck kommt, kündet im Osten der heller werdende Himmel schon wieder den Sonnenaufgang an. Da bin ich am Morgen zwar auch müde, aber kein Vergleich mit den Novembernächten im Ärmelkanal.
Die Crew ist aufgeteilt in zwei Wachen. Jene Wache, die nachts zweimal an Deck ist, macht das Brot. Nachdem mich im letzten Jahr eine Deckshand in die Tricks eingeweiht hat, machte ich einmal Brot und gab in einer nächsten Nacht das Wissen an Andreas, einen anderen Trainee, weiter. Die Nordsee war mal wieder mit Schlaglöchern gepflastert, und höhere Wellen warfen unsere alte Dame unverhofft in noch stärkere Krängung. Die Arbeit in der Galley (Kombüse, Küche), die sich in unvorhersehbarer Weise als Mischung zwischen Achterbahn, Schüttelbecher und Rodeo-Bullenreiten bewegt, wird dann zur Herausforderung. Die Zutaten rutschen auf dem Tisch in alle Richtungen. Andreas’ Gesicht wurde immer finsterer, und innerlich hat er wohl alle bekannten Flüche abgerufen. Der Lohn der Mühe war dann ein Brot, das vielseitiges Lob erfuhr. Das ist Tres Hombres: direkte Erfahrung…
Badelatschen statt nasse Socken
In Erinnerung bleibt die Begegnung mit einem grossen Trupp Grindwale, die uns überholten. Insgesamt war’s für mich eine super-gute Reise: Immer Wind, nur selten eine knappe Andeutung von Regen, aber nicht wirklich nass. Ideale Segelbedingungen. Häufig fuhren wir unter Vollzeug ausser dem Flieger, den wir als Leichtwindsegel schon in La Rochelle vom Stag am Bugspriet entfernt hatten und der erst im Kattegat wieder zum Einsatz kam. Einzig am Anfang in der Biskaya mussten sich Gleichgewichtssinn und Magen daran gewöhnen, dass zu gutem Wind halt auch Wellen gehören. Da müsste die Reederei noch eindringlicher auf eine gute Ausrüstung drängen: Nur knöchelhohe Stiefel schützen nicht vor nassen Socken. Quentin, der in La Rochelle als ablösender Kapitän an Bord kam, löst für sich das Problem, indem er oft barfuss in Badelatschen an Deck ist und halt das 13 Grad «warme» Wasser erträgt. Nicht mein Ding. Meine hohen polnischen Gärtnerstiefel halten die Füsse warm, auch wenn beim Abwaschen eine Welle nach der anderen unter dem Schanzkleid durchsprudelt. Doch wer mit nur einer Stadt-Lederjacke als Wind- und Wasserschutz (auch wenn’s nicht regnet wird man ab und zu von einer spritzenden Welle geduscht) an Bord kommt, wird frieren. Garantiert!
Kein Lob gibt’s für meine Hörgeräte. Als sie schon auf dem Weg nach La Rochelle das erste Mal den Dienst verweigerten, packte ich sie in einen wasserdichten Sack zusammen mit Reis, der für ein trockenes Klima sorgt. In La Rochelle dann aufatmen: Die Dinger laufen wieder. Allerdings nur bis während dem Laden der rund 20 000 Weinflaschen ein feuchter Seewind Sprühregen-Böen brachte. So habe ich sie erneut weggepackt. Fazit: nicht seetauglich.