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Waren es bei der Tres Hombres drei Kapitäne, die sich entschlossen, Waren künftig unter Segeln zu transportieren, so ist es bei der deutschen Avontuur einer. Unter den Seeleuten gibt es immer wieder welche, denen die Schädlichkeit des heutigen Seetransports bewusst ist: «Während seiner mehr als 20-jährigen Arbeitserfahrung in der Schifffahrtsindustrie, konnte sich Cornelius Bockermann ein eigenes Bild davon machen, wie wir Menschen unsere Umwelt nachteilig beeinflussen», heisst es auf der Website der Reederei Timbercoast, welche die Avontuur betreibt. «Mit seiner Firma führte er Schwertransporte für die Öl-Industrie aus. Ein lukratives Geschäft, womit er viel Geld verdiente, und das ihm aber auch bewusst machte, welche Auswirkungen die weltweite Transportschifffahrt auf die Meere hat.» Mehr als 90 Prozent des globalen Welthandels werde über Schiffe abgewickelt, die fast ausschliesslich mit Schweröl betrieben werden. «Ein Brennstoff, der an Land längst verboten ist und als Sondermüll entsorgt werden muss. Damit sind die Ozeanriesen quasi schwimmende Müllverbrennungsanlagen, für die es wenig Schadstoff-Richtlinien gibt und die kaum Umweltverpflichtungen unterliegen.» 

Bockermann kaufte den Schoner Avontuur. Dieser hatte ab 1977 unter dem Kapitän Paul Wahlen bis fast an dessen Lebensende Fracht vor allem zwischen Karibikinseln transportiert. Unter anderem umging Wahlen das US-Embargo und lieferte Klaviere nach Kuba. Später wurde die Avontuur für Passagiercharterfahrten in Europa eingesetzt. 

Die Instandsetzung der Avontuur nicht zuletzt mit der Arbeit von Freiwilligen absorbierte nicht nur Geld, sondern auch viel Energie, Zeit und Nerven. So gingen die Pläne, rund um Australien Fracht zu transportieren, über Bord. Schliesslich resultierte für Timbercoast ein Geschäftsmodell auf der Atlantikroute, das wie bei Fairtransport stark auf dem Eigenhandel mit gesegelter Ware beruht. Diese Kopie des Geschäftsmodells führte zeitweilig zu Spannungen zwischen den beiden Projekten. Mittlerweile arbeitet man zusammen: Die Avontuur ist als Teil der Flotte auch auf der Website von Fairtransport aufgeführt.

Gescheiterte Expansion

«Um einen drohenden Schiffbruch unserer Mission Zero abzuwenden, sahen wir uns gezwungen, unseren gesamten Warenbestand einzusetzen, um offene Forderungen zu begleichen. Deshalb werden wir bis auf Weiteres keine eigenen Waren mehr direkt über unseren Onlineshop und über unser Ladengeschäft in Elsfleth anbieten können», schrieb Timbercoast im Sommer 2020 auf ihrer Website.

Hintergrund war, dass der überreiche Investor Hans Georg Näder sich kurzfristig zurückzog und als Sicherheit für seine gewährten Darlehen das Warenlager von Timbercoast räumte. Der Handel und damit die Existenzgrundlage des Unternehmens waren somit per sofort eingestellt. Dies führte im März 2021 zur Insolvenz der Timbercoast GmbH. Davon nicht betroffen war die Eigentümer-Gesellschaft der Avontuur. Das Schiff segelte weiter und brachte genug Fracht nach Hause, sodass ab Sommer 2021 eine unter neuer Rechtsform gegründete Firma «Timbercoast cargo under sail» wieder Waren online anbieten konnte.

Als Timbercoast den Milliardär an Bord holte, ging es nicht zuletzt um den Dreimastschoner «Anny von Hamburg», dessen Umbau vom ehemals noblen Passagier-Segler zum Segel-Frachtschiff man diskutierte. Vergeblich. Doch letztlich dient der Abgang Näders auch der Klärung: Eine Studie der Eidgenössischen Hochschule ETH bestätigt die immer wieder vom Hilfswerk Oxfam geäusserte Kritik: Die Überreichen sind in besonderem Masse für den Klimawandel verantwortlich. Gemäss ETH verursachen sie 76-mal so viel CO2 wie NormalverbraucherInenn. So tragen die reichsten 1 Prozent der Bevölkerung 26-mal so viel zu Hitzewellen und 7-Mal so viel zu den Dürren im Amazonasgebiet bei wie der Durchschnitt. Oxfam hat nachgerechnet und kommt auf noch höhere Zahlen: «Eine Person aus den reichsten 0,1 % der Welt verursacht täglich über 800 kg CO2-Emissionen. (...) Im Gegensatz dazu verursacht jemand aus den ärmsten 50 % der Welt durchschnittlich nur 2 kg CO2-Emissionen pro Tag» Dabei spielen unter anderem Privatjets und Luxusyachten ein Rolle. Hans Georg Näder geniesst gemäss «WirtschaftsWoche» beides. Von der Süddeutschen Zeitung wird er als einer «der schillernsten Unternehmer Deutschlands» bezeichnet, wovon auch sein Wikipedia-Eintrag zeugt. 

Kurz: Ein Schiff wie die Avontuur, das gemäss seiner Reederei für «den Wandel zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit in die Schifffahrtsindustrie – zum Schutz der Umwelt und für die nachfolgenden Generationen» eintritt, steht weltanschaulich auf einem ganz anderen Deck als der überreiche Näder. Dieser steht zudem in der Kritik, trotz des russischen Aggressionskriegs gegen die Ukraine weiterhin in Russland Millionen zu verdienen. Mit einem solchen Investor könnte die Avontuur also in Sanktionsprobleme geraten.

Die «Anny von Hamburg» als Segelfrachter hingegen blieb ein unerfüllter Expansionstraum. Sie wurde stattdessen nach Finnland verkauft und als Schiff für Charterfahrten grundüberholt.

Die Avontuur an der Klimakonferenz

Der Initiator der Avontuur, Cornelius Bockermann, schreibt: «Wie jedes Unternehmen haben wir, das heisst zum grössten Teil ich persönlich, zum anderen über 100 Kleinanleger, in das Projekt investiert und erwarten nach einer angemessenen Zeit, ausreichende Gewinne zu generieren, sodass sich das Projekt damit finanziert.» Fracht transportierende Segelschiffe sind auch Unternehmen, die sich unter heutigen Marktbedingungen behaupten müssen. Doch der Anspruch geht darüber hinaus: «Mit unserem Segelschiff Avontuur bieten wir die Möglichkeit Fracht per Windkraft gesegelt zu transportieren um damit die Verbindung zwischen nachhaltigem Produzenten und verantwortungsvollem Verbraucher zu schaffen», schreibt Timbercoast. «Wir sind auf der Mission der Welt zu zeigen, dass sauberer Seetransport möglich und nötig ist. Wir wollen die Menschen zum Nachdenken über die Konsequenzen unseres Lebensstils, unseres Konsums und dem Streben nach stetigem Wachstum bringen. Mit anderen Worten, wir segeln nicht nur einen traditionellen Schoner der Tradition wegen. (…) Alle Besatzungsmitglieder an Bord sind angehalten, die Mission mit ihrer Arbeit, ihrer Überzeugung und ihrem Herzen zu unterstützen! In jedem Hafen den wir anlaufen sind wir die Botschafter einer Mission, die wir mit der Avontuur in die Welt tragen.»

Auf ihrer 16. Reise unterstrich 2025 die Avontuur diese «Mission Zero», indem sie zur UN-Klimakonferenz COP30 in Belém in Brasilien segelte. «Wir nehmen nicht nur daran teil – wir segeln dorthin, um ein Zeichen zu setzen: Dass sauberer Güterverkehr nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist. Jede Meile unter Segeln ist ein Aufruf zu einem faireren, langsameren und frei von fossilen Brennstoffen betriebenen Handel. (…) Und wir sagen es deutlich: Planet. Natur. Wirtschaft – in dieser Reihenfolge.»

Im Gegensatz zu früheren Reisen soll die Avontuur dann in der Karibik bleiben und in Trampfahrt je nach Frachtangebot zwischen den Inseln pendeln, bevor sie im April Kaffee und Kakao für ihre europäischen Kunden holt und im Sommer 2026 nach Europa zurückkehrt. Damit schliesst sie an die Tradition von Paul Wahlen an, der mit der Avontuur ab den 1970ern in der Karibik Fracht transportierte. 

Seenotrettung

Ende Februar 2020Avontuur südlich der Kanarischen Inseln auf ein offenes Holzboot mit  stiess die sechzehn Menschen an Bord. Sie befanden sich schon zehn Tage auf See, hatten seit zwei Tagen weder Essen noch Wasser. Während die Avontuur‹ gegen den Klimakollaps ansegelte, war sie unvermittelt auf weitere Opfer des Systems gestossen: Weltmarktorientiertes Agrobusiness vertreibt im globalen Süden Kleinbauern von ihrem Land. Billigimporte aus der EU wie jene Hühnerteile, welche die KonsumentInnen in Europa verschmähen, oder Milchpulver aus EU-Überschüssen – beides unter anderem mit Soja aus Übersee produziert – verdrängen lokale Produzenten von den Märkten. Hinzu kommen die schlechteren Ernten oder der Verlust ihrer Tiere wegen der Klimakrise. Wandern die ruinierten ProduzentInnen in die Städte ab, werden sie Teil der Reservearmee von Arbeitslosen, was die Löhne tief hält und es für Konzerne lukrativ macht, in solchen Ländern vor allem in Asien und Lateinamerika produzieren zu lassen. 

Voraussetzung solcher Lieferketten ist einerseits der billige Seetransport: zuerst in Massengutfrachtern für die Futtermittel, dann in Kühlcontainern für das damit erzeugte Hühnerfleisch. Andererseits funktioniert das Ganze auf der Basis der durch Freihandelsverträge abgesicherten freien Zirkulation von Kapital und Waren, während man gleichzeitig den Menschen aus Tieflohnländern die Bewegungsfreiheit vorenthält. Europa weist heute Arbeitsuchende mit Gewalt ab, nachdem man vom 16. bis ins 19. Jahrhundert afrikanische Arbeitskraft in Form von Millionen Sklaven gewaltsam zum Grundstein des heutigen Reichtums von Europa machte. Doch wenn die Wege über Balkan und Mittelmeer verriegelt sind, versuchen Verzweifelte in kleinen Booten die Überfahrt von der Westküste Afrikas auf die Kanarischen Inseln. Versagen der Motor und fehlen nautische Kenntnisse, treiben diese Menschen hinaus auf den Atlantik in den Tod.

Das Schiff Avontuur

Die Avontuur wurde 1920 in Holland als Segel-Frachtschiff für die Küstenfahrt gebaut. In den über 100 Jahren hat sieben Mal der Eigentümer gewechselt, teilweise war sie ohne Masten unter Motor im Einsatz, aber auch als touristisches Ausflugsschiff für Passagiere. 2014 kaufte Cornelius Bockermann das Stahlschiff mit dem Ziel, es wieder zum Frachtsegler zurückzubauen. Rund 160 Freiwillige halfen beim Umbau. Trotzdem stiegen die Kosten bei einem ursprünglichen Budget von 600 000 Euro auf 1,4 Millionen – auf mehr als das Doppelte. 

Die Avontuur ist ein Flachbodenschiff. Ein Segler, der auf ihr als Crewmitglied gefahren ist, schätzt, dass sie nur rund 80 Grad Höhe läuft. Die Abdrift ist also mangels Kiel gross, die Wegstrecke in die Richtung, aus welcher der Wind kommt, entsprechend klein. Bei einer Länge über alles von 43,5 Meter und einer Breite von 5,9 Meter trägt sie als Gaffelschoner bei einem Tiefgang von 2,5 Meter 495 Quadratmeter Segel, die sich auf 612 Quadratmeter erweitern lassen. Wikipedia beziffert die Maximalgeschwindigkeit unter Segel mit 6 Knoten. Das dürfte jedoch zu tief geschätzt sein. 

Der Laderaum ist 135 Kubikmeter gross, das Schiff kann rund 100 Tonnen Fracht transportieren. Es hat einen Motor von 305 PS und verfügt für die Stromerzeugung über Solarpanels und Windräder. Gesegelt wird sie von 6 bezahlten Crewmitgliedern und bis zu 10 Trainees.