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«Mama schau – ein Piratenschiff!» Die Reaktion des kleinen Jungen im Hafen von Bornholm ist bezeichnend: Schiffe mit traditioneller Takelung kennt man vor allem aus Abenteuerfilmen. «Das war mein Bubentraum», meint ein österreichischer Trainee, als er das erste Mal zehn Meter über Deck auf dem Fusspferd der Mars-Rah steht und sich noch etwas unsicher ans Jackstag klammert. Seefahrt besteht nicht zuletzt aus Träumen und Geschichten – Seemannsgarn, in dessen Schlingen sich auch «Landratten» verfangen, und die irgendwann zu Mythen werden.

Dies trifft auch auf die Tres Hombres zu. Bald mal ist es zwei Jahrzehnte her, dass drei junge Kapitäne – Andreas, Arjen und Jorne – 2007 im Hafen von Delft das Nahezu-Wrack eines Kriegsfischkutters fanden und für 3000 Euro kauften. Die Zeit seither hat viele Geschichten geboren. «Die drei lasen Che Guevara und dabei blieb ihnen ein Satz hängen: ‹Seid realistisch – fordert das Unmögliche!›», fasste Kapitän Wiebe auf meiner ersten Reise den Gründungsmythos zusammen. Der Satz stammt allerdings nicht vom argentinischen Revolutionär, sondern vom französischen Anarchisten Pierre Proudhon aus dem 19. Jahrhundert. Dieser schrieb auch: «Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft» – ein Satz, der recht gut auf bden Geist der informellen Gemeinschaft – der «Familie» – rings um die Tres Hombres passt. Hunderte EigentümmerInnen und unzählige Freiwillige verdeutlichen: Das Schiff ist der Kristallisationspunkt einer zivilgesellschaftlichen Bewegung.

«Die drei haben sich ergänzt: Ein Träumer, ein Organisator und ein Macher», fasste auf einer weiteren Reise Kapitän Arthur zusammen. Die sich bildende «Familie» und eine Viertelmillion Arbeitsstunden von Freiwilligen machten aus dem Wrack ein Frachtschiff ohne Motor. Was in den Erzählungen und im Namen des Schiffs untergeht: Da war und ist auch auch eine Frau. Sabine war von Anfang an dabei und übernahm die Arbeit im Hintergrund: vom Hereinholen von Frachtaufträgen über die Bemannung des Schiffs (ohne Koch, professionelle Steuerleute oder Kapitänin läuft gar nichts) bis zum Verkauf der Waren – den Betrieb der Handelsreederei Fairtransport, das Team im «Office» im Museumshafen von Den Helder. Kurz: Das organisatorische und finanzielle Fundament, die Balance zwischen revolutionären Visionen und Mythen und dem wirtschaftliche Überleben im real existierenden Kapitalismus.

 

Zwischen Hightech und Tradition

«Wenn der Wind den Seetransport antreiben soll, dann sicher nicht mit dem traditionellen Rigg der Tres Hombres.» Auf technischer Ebene mögen solche Kritiker recht haben. In den ersten Jahren arbeiteten ja auch die drei Kapitäne mit an der Entwicklung eines modernen Hightech-Segelfrachters. Dann stellte sich heraus, dass dessen Betrieb im Rahmen fester Fahrpläne auch Fahrt unter Motor erfordert. Ist dieser fossil getrieben, dann stösst ein kleines Schiff pro Frachtmenge gleich viel oder sogar mehr Treibhausgase aus, als die riesigen Containerschiffe.

So zog sich Fairtransport aus dem Projekt zurück. Dabei war man ursprünglich so überzeugt von der Idee eines modernen Segelfrachters, dass bereits ein entsprechendes Logo vorlag. Das Projekt dieses Frachters lebt trotz der nach wie vor schwierigen Finanzierung bis heute und wird aktuell von der Firma Veer weiter verfolgt. Vielleicht lässt sich ja der fossile Treibstoff durch Wasserstoff oder einen Elektromotor ersetzen… Fairtransport blieb dagegen beim traditionellen Rigg einer Schonerbrigg. Und die heutigen Logos zeigen stilisierte Rahsegel.

Oben das Logo, als Fairtransport ein modernes Segel-Frachtschiff plante. Doch konzeptionelle und finanzielle Hürden führten dazu, dass man sich auf die traditionell getakelte Tres Hombres konzentrierte (unten).

Nach dem Rückzug aus der Entwicklung des Hightech-Segelfrachters kam das Abenteuer mit der «Nordlys»: Als Fischkutter 1873 auf der Isle of Wight gebaut segelte die Ketsch einige Jahre für Fairtransport als das weltweit älteste Frachtschiff auf See. Doch da spielte die Liebe zu traditionellen Schiffen den SegelfrachtpionierInnen aus Den Helder einen Streich: Der Frachtraum war zu klein, und man konnte nur vier Trainees unterbringen. Das Schiff liess sich so nicht kostendeckend betreiben. Als eine grössere Überholung anstand, musste Fairtransport sich von der Nordlys trennen. Sie wird in Zukunft der Meeresforschung dienen.

Die Ketsch Nordlys erwies sich als zu klein, um kostendeckend Fracht in europäischen Küstengewässern zu transportieren.

 

Die Leidenschaft segelt mit

Die Wahl der Technik entspringt auch einer Leidenschaft: Wir haben Spass. Wir geniessen es. Und das ist zentral: Die Lebensgrundlagen des Planeten zu bewahren muss Freude machen. Wir segeln nicht nur GEGEN den Klimawandel, gegen die Ozeanversauerung, gegen die marinen Hitzewellen, gegen das Artensterben, gegen den Sauerstoffmangel. Wir segeln FÜR das Leben. Für ein gutes Leben. Da fällt der Verzicht auf materielle Verschwendung nicht schwer.

Im Gegensatz zu den Ideen für moderne Riggs, die entweder eine einzelne Person per Knopfdruck bedienen kann oder die gleich vollautomatisch die Windkräfte optimal in Vortrieb umwandeln, funktioniert ein Schiff ohne Maschine nur mit Team-Arbeit, mit Kooperation, mit Menschen. In einem traditionellen Rigg steckt das ERFAHRUNGSWISSEN von Generationen. Traditionelle Segel sind zwar aerodynamisch weniger effizient als ein Dyna-Rigg oder Saug-Flügelsegel. Aber sie sind optimiert für die Bedienung durch Menschen. Ein solches Rigg zu segeln ist HAND-WERK. Ohne elektrischen Strom. Dafür mit unzähligen Details, die es zu beachten gilt, die man im gegenseitigen Austausch lernt und weiterentwickelt. Jeder Beitrag zählt, jedeR wird gebraucht (und deswegen ganz ohne grosses Aufheben geschätzt). Wenn technische Innovation allein nicht reicht, planetare Grenzen unter anderem bezüglich des Klimas einzuhalten, dann müssen wir Lösungen auf der Basis bestehender Technik finden.Dies innerhalb der gegebenen Grenzen: Es gibt gar keine andere Möglichkeit als mit dem klarzukommen, was an Bord vorhanden ist – was ja eigentlich auch für unseren einzigen Planeten, unser «Schiff» in den Weiten des Alls – gilt. 

 

«Eine neue Geisteshaltung»

Überraschend ist vor allem der Absender der Forderung. Nicht eine grüne Partei oder eine Umweltorganisation, sondern der Internationale Währungsfonds IWF, der die Moneten schon in seinem englischen Namen International Monetary Fund trägt und weltweit in verschuldeten Ländern ohne Rücksicht auf soziale oder ökologische Probleme eine monetaristische – also rein auf Geld orientierte – Politik durchsetzt, forderte 2019 in einer Studie: «Internationale Institutionen und Regierungen müssen (...) ihren Einfluss geltend machen, um eine neue Denkweise [Hervorhebung im Original] herbeizuführen – einen Ansatz, der einen ganzheitlichen Blick auf unser eigenes Überleben anerkennt und umsetzt, was bedeutet, im Einklang mit der Natur zu leben.» (Chami et al., 2029)

Was das heissen könnte, lernt man an Bord der Tres Hombres. «Kein Motor» bedeutet, nur jene Energie zu nutzen, die JETZT verfügbar ist. Ohne Energieträger, die vor Millionen Jahren in den Eingeweiden von «Mutter Erde» – wie indigene Völker den Planeten nennen – eingelagert wurden. Und deren Verbrennen physikalische, chemische und biologische Gleichgewichte gefährlich aus der Balance bringen. Sieben von neun planetarische Grenzen haben wir überschritten. Die fossile Zivilisation spielt mit dem Risiko.

 

«In erster Linie politisch»

Segeltransport ohne Motor ist eine radikale Kritik an der Ideologie, die Lösung planetarer Probleme sei rein technisch möglich.Mitgründer Andreas betonte in einem ‹Spiegel›-Interview auf die Frage zum Charakter des Projekts Tres Hombres: »In erster Linie ist es politisch. Wirtschaftlich ist die Sache insofern, als davon Leute leben müssen.» Dann meinte er zum Welthandel: «In unseren Augen ist es einfach unnötig, alles jederzeit und zum Tiefstpreis verfügbar zu haben, und das auf Kosten von zwei Dritteln der Weltbevölkerung, denen man die Ressourcen wegnimmt.» Mit anderen Worten: Die notwendigen Änderungen müssen an Land erfolgen.

Der Verzicht auf einen Motor ist eine politisch Entscheidung. In der Praxis ist das zwar oft unpraktisch. Man kann bei hohen Wellen nicht Schutz in einem Hafen suchen, weil dafür Schlepperhilfe nötig und allein schon die Übergabe der Schleppleine in einer wilden Auf-und-ab-Welt schlecht möglich ist. Also muss man bei widrigen Bedingungen Tage und Nächte auf See bleiben, wie 2022 beim «Bloody Helltrip». Oder bei Flaute erreicht man das Ziel nicht rechtzeitig und verpasst beispielsweise einen Anlass wie 2025 die ‹Sail Amsterdam›. Zwei Beispiele, bei denen der Kapitän, wäre eine Maschine an Bord, mit gutem Grund den Zündschlüssel gedreht hätte. Hat man eine Maschine, wird sie auch benutzt...

Physik, Chemie, Biologie: Naturgesetze können wir Menschen nicht beeinflussen. Doch wir können darüber bestimmen, wie wir uns zu ihnen verhalten. Das Verbrennen fossiler Kraftstoffe fördert die Illusion, Natur sei beherrschbar, lasse sich zugunsten des Geldes und der Bequemlichkeit dominieren. Segeln ohne Motor verzichtet dagegen als Low-Tech-Lösung auf Dominanz. Man kann nicht mit fossiler Hilfe gegen die Natur arbeiten, nur im Einklang mit ihr – eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Man lernt Respekt vor Grenzen und vor Kräften, die stärker sind als wir. Man erfährt Demut vor der Weite des Ozeans und des Sternenhimmels und nicht zuletzt einen anderen Umgang mit Zeit: Gelassenheit wenn’s mal nicht so läuft wie geplant, wenn man umkehrt um an einem ruhigen Ankerplatz abzuwarten, bis sich der Sturm gelegt hat. Oder wenn der Wind einschläft und die Segel schlaff in den Masten hängen. Entschleunigung, die eine andere Art von Lebensqualität bietet als die Materialschlacht durch Just-in-Time-Lieferketten innerhalb einer Zeit-ist-Geld-Hetze.

Das soll nicht heissen, dass die Weiterentwicklung der Schiffsantriebe sinnlos wäre. Auch Elektrofähren auf kurze Distanzen oder neue Treibstoffe als Überbrückung für Regionen, in denen nur selten Wind weht, sind willkommen. Doch geht es um Nachhaltigkeit, steht ohne an erster Stelle die Frage: «WAS wird WARUM transportiert?» Und vor allem: In welcher Menge? Erst dann muss man beantworten: «WIE wird es transportiert?» 

Steht dabei die geforderte neue Geisteshaltung im Vordergrund, lautet die Antwort: «So weit als möglich ohne Motor.» Denn eine wirklich nachhaltige Zukunft benötigt andere Geschichten. Zum Beispiel neue «alte». Geschichten der Hoffnung. Auf dass die Schlingen des Seemannsgarns gerade auch die Landratten faszinieren. Gönnen wir dem Buben auf dem Quai seine Freude am «Piratenschiff». Hält seine Faszination an, wird er eines Tages das Narrativ begreifen: Auch Unmögliches wird realistisch, wenn genug Menschen sich engagieren. 

Oder wie die Wirtin Maria auf Bornholm auf die Frage, was denn am Wein, der mit der Tres Hombres transportiert wurde, anders sei, antwortet: «Da ist mehr Liebe drin.»


 

Quellen

Ralph Chami, Thomas Cosimano, Connel Fullenkamp, Sena Oztosun (2019): Nature’s Solution to Climate Change. A strategy to protect whales can limit greenhouse gases and global warming. in: Finance & Development, December 2019, Vol. 56, No. 4, International Monetary Fund, Washington, https://www.imf.org/en/publications/fandd/issues/2019/12/natures-solution-to-climate-change-chami