2022, Bundeszentrale für politische Bildung. Hier geht’s zur offiziellen Website von Earth for all.
Eine Rezension von Spektrum der Wissenschaft.
Der Verlag der deutschen Erstausgabe.
Und hier die Anwendung der Studie auf Deutschland.
Der Club of Rome wurde ursprünglich von Kreisen aus der Wirtschaft gegründet. Die von der Volkswagenstiftung finanzierte Studie «Grenzen des Wachstums» sorgte in den 1970er-Jahren weltweit für Diskussionen. «Earth for all» ist eine Fortsetzung. In diesem Bericht vergleicht des Club of Rome zwei Szenarien:
- «Zu wenig und zu spät» beleuchtet die zukünftige Entwicklung, wenn Politik und Wirtschaft so weitermachen wie bisher. Dann «steigt im Lauf der Jahrzehnte bis 2050 die Wahrscheinlichkeit für einen gesellschaftlichen Kollaps. Er wird hervorgerufen durch wachsende soziale Spaltung in als auch zwischen Gesellschaften und durch zunehmende Umweltkatastrophen.»
- «Der grosse Sprung» zeigt, mit welchen sofort zu ergreifenden Massnahmen sich die negativen Aussichten des «Zu wenig und zu spät» vermeiden lassen. Dafür sind fünf Kehrtwenden nötig:
– Beendigung der Armut
– Beseitigung der eklatanten Ungleichheit
– Ermächtigung (Empowerment) der Frauen, Geschlechtergerechtigkeit
– Aufbau eines für Menschen und Ökosysteme gesunden Nahrungsmittelsystems
– Übergang zum Einsatz sauberer Energie
Diese fünf Wenden voneinander abhängig und müssen gleichzeitig angegangen werden. Eine Schlüsselrolle kommt den beiden Punkten Beendigung der Armut und Beseitigung der Ungleichheit zu: «Die Umverteilung des Wohlstands ist nicht verhandelbar. Langfristige wirtschaftliche Ungleichheit in Verbindung mit kurzfristigen Wirtschaftskrisen (…) trägt zu wirtschaftlicher Angst, Misstrauen und politischer Dysfunktion bei» – ein Klima, das die «Lösung der zivilisatorischen Herausforderungen» erschwert oder verunmöglicht.
Bei ihrer Analyse beziehen sich die AutorInnen auf die planetaren Grenzen und die Donut-Ökonomie. Sie zeigen, dass sich die destabilisierenden Auswirkungen der Industrialisierung auf den Planeten seit den 1950er-Jahren massiv beschleunigen.
Als Werkzeug benutzten sie die Computermodelle, die auch schon den Szenarien des Berichts «Grenzen des Wachstums» zugrunde lagen. Diese Modelle verifizierten sie, indem sie die damaligen Prognosen mit den tatsächlich seither erfolgten Entwicklung abglichen. Neu eingeführt haben sie einen «Wohlergehensindex» und einen «Index sozialer Spannungen», also Grössen, die gesellschaftlich wichtig, aber nicht in Geld auszudrücken sind.
Massnahmen zur Beendigung der Armut und Überwindung der Ungleichheit
Die AutorInnen fordern zwecks Rückverteilung unter anderem mehr Steuern auf hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften, wofür international die finanziellen Schlupflöcher und Steueroasen für reiche Personen und Konzerne zu schliessen sind. Konkret: «Die Steuern für die reichsten 10 Prozent einer Gesellschaft sollen so lange erhöht werden, bis den Wohlhabensten in Summe weniger als 40 Prozent des nationalen Einkommens bleiben.» Hinzu kommen mehr Rechte für ArbeitnehmerInnen und Stärkung der Gewerkschaften. Das Lohngefälle in Unternehmen muss kleiner werden.
Ein zentraler Teil ist die Einführung eines allgemeinen Grundeinkommens. Finanziert wird dieses durch eine allgemeine Grunddividende: «Industrien leisten eine Zahlung für die Nutzung gemeinsamer Ressourcen aus dem Pool der Gemeingüter (Commons).» Dazu zählen «die Nutzung oder der Besitz von Land, Finanzvermögen, geistigen Eigentumsrechten, fossilen Brennstoffen, Verschmutzungsrechte oder der Abbau von Stoffen, die sich als Ressource im Besitz aller Angehörigen der Gesellschaft befinden».
Auf internationaler Ebene schlagen sie einen Schuldenerlass für die ärmeren Länder (weniger als 10 000 Dollar Jahreseinkommen pro Person) vor, sowie dass diese das Recht haben sollen, ihre Industrie gegenüber der Weltmarktkonkurrenz zu schützen – Stichwort «Re-Regionalisierung des Handels». Ziel ist ein gesteigertes Wachstum der Wirtschaft dieser Länder, um die internationale Ungleichheit zu verringern. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank müssten entsprechend ihre Finanzpolitik neu auf solche Ziele ausrichten.
Gegen die Ungleichheit der Geschlechter ist Zugang zu Bildung für alle Mädchen und Frauen gefordert, angemessene Renten sowie Parität der Geschlechter in der Leitung von Unternehmen.
Ernährung und Energie
Gefordert sind Gesetze zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung sowie Anreize für die regenerative Landwirtschaft. Dazu gehört die Förderung einer gesunden Ernährung, welche die planetaren Grenzen respektiert.
Zur Energie fordern sie, wozu auch der Weltklimarat dringend rät: «sofortiger Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und gleichzeitiger Ausbau der erneuerbaren Energien.» Also Elektrifizierung und Ausbau der Speichermöglichkeiten in grossem Massstab. Dafür müssten die aktuellen Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz verdreifacht werden.
Beurteilung
Was der Club of Rome als Führer für das Überleben unseres Planeten vorschlägt, ist eine Sammlung von Konzepten, wie sie unter anderem Feministinnen, Ökobewegungen und progressive Parteien schon länger fordern. Hier stützen erprobte Computermodelle, die mit wissenschaftlichen Studien und Daten gefüttert wurden, diese Lösungsvorschläge.
Business as usual mit ein paar technischen Retuschen reicht nicht. Doch aktuell stehen selbst kleine Schritte, die in die skizzierte Transformations-Richtung erkämpft wurden, unter dem Druck einer globalen Gegenrevolution, die unter anderem zu einer Umverteilung von unten nach oben, zu vertiefter Ungleichheit und somit zu einer weiteren gesellschaftlichen Spaltung führt.
Entsprechend stehen auch Frachtsegelprojekte ökonomisch unter Druck.
«Wir möchten mit einem Aufruf zum Handeln schliessen», schreiben die AutorInnen. «Wir brauchen eine Bewegung von Bewegungen, die auf Empörung und Optimismus aufbaut. Wir brauchen eine Veränderung des Narrativs.»
Eine dieser geforderten «optimistischen» Bewegungen sind die Frachtsegler.