Kurz vor Weihnachten 2025 veröffentlichte das Umweltprogramm der UNO (UN Environment Programme UNEP) seinen siebten Bericht, den Global Environment Outlook 7 (GEO–7). Darin hebt die UN-Organisation die Bedeutung von Investitionen in die Umwelt für zukünftige wirtschaftliche Gewinne und nachhaltige Entwicklung hervor. Dafür sei eine grundlegende Transformation notwendig, bei der indigenes Wissen eine entscheidende Rolle spielt.
Bei der Bestandsaufnahme betont das UNEP, dass Klimawandel, Verlust der biologischen Vielfalt, Bodendegradation und Umweltverschmutzung ineinander verflochtene Krisen sind, die das Wohlergehen der Menschen und die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO gefährden:
- Die globale Durchschnittstemperatur ist seit dem Industriezeitalter um mindestens 1,3 °C gestiegen.
- Die Prognosen gehen in die Richtung, dass die Temperatur bis 2100 um 2,4 °C bis 3,9 °C steigen. Das Pariser Abkommen bleibt unerfüllt.
- Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, und 20-40 Prozent der Landfläche sind degradiert, also übernutzt, verarmt, erodiert. Jedes Jahr werden Flächen in der Grössenordnung von Kolumbien degradiert.
- Jährlich fallen über 2 Milliarden Tonnen Müll an, bis 2050 könnten es 3,8 Milliarden Tonnen werden.
Transformation zwingend nötig
Ohne Transformation der Wirtschafts- und Finanzsysteme sowie der Material-, Energie- und Ernährungssysteme sind die Umweltprobleme nicht zu bewältigen. Die Rede ist von «beispiellosen Massnahmen» die erforderlich sind, um die Umweltziele zu erreichen. Diese würden auch soziale und wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen, welche die Kosten übersteigen.
Entscheidend sei dabei die Transformation der Wirtschafts- und Finanzsysteme. Umweltschädliche Subventionen – beispielsweise die weltweiten Subventionen für fossile Brennstoffe von rund 7 Billionen US-Dollar pro Jahr – müssen abgeschafft werden. Weiter könnte die Internalisierung der mit der Emission von Treibhausgasen verbundenen sozialen und ökologischen Kosten etwa 45 Billionen US-Dollar pro Jahr einbringen. Nicht zuletzt müssten Finanzströme auf internationale Umweltziele ausgerichtet werden.
Der Bericht vermeidet es in der Zusammenfassung, die zunehmende weltweite Ungleichheit zu benennen. Der überproportionale «Beitrag» zur planetaren Mehrfachkrise der superreichen Oligarchen bleibt unerwähnt. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass die UNO eine Organisation von Staaten ist, die natürlich durch ihre Regierungen vertreten sind. Diese nehmen beispielsweise bei den Berichten des Weltklimarats Einfluss auf die Redaktion der Zusammenfassungen, denn die langen Berichte (GEO–7 umfasst 1200 Seiten) liest kaum jemand. Was nach einer Forderung klingen könnte, den Überreichtum der 1-Prozent-Minderheit durch Rückverteilung (vgl. Donut-Ökonomie oder Earth for all) für die Bewältigung der Krisen zu nutzen, wird mit technokratischen Formulierungen überdeckt. Das klingt dann im vorliegenden GEO–7 so, dass «bestehende Governance-Rahmenwerke, die Ungleichheiten hervorrufen, reformiert werden» müssten. Oder: «Die Förderung von Verhaltensänderungen und kollektiven Massnahmen trägt zur Reduzierung des Energieverbrauchs und zur Bekämpfung von Ungleichheit bei.»
Insgesamt kommt der Begriff «Ungleichheit» im ausführlichen Bericht nur 114 mal vor.
Der Wert indigenen Wissens
«Indigenes Wissen und lokale Praktiken können wertvolle Beiträge zur nachhaltigen Transformation leisten.» So könnten «kulturelle Werte und Überzeugungen indigener Völker sowie lokaler Gemeinschaften genutzt werden, um Verhaltensweisen zu formen, Identität und Zusammenarbeit zu fördern und einen moralischen Kompass» zu schaffen. Im über tausend Seiten starken Bericht GEO–7 kommt der Begriff «indigen» 1200 mal vor – also rund 10 mal häufiger als «Ungleichheit».
Diese Wertschätzung indigener Kulturen steht im Gegensatz zur teilweise technokratisch gehaltenen Sprache des Berichts, denn die Weltsicht indigener Völker umfasst eben nicht nur Technik und Organisation, sondern auch eine spezifische Spiritualität – beispielsweise indem der Mensch nicht als ein der Natur gegenüber stehendes Wesen, sondern als ein Teil der Natur gilt.
Nachhaltigkeit wird als Harmonie zwischen menschlichen Aktivitäten und der Natur gesehen. «Indigene Konzepte der planetarischen Gesundheit bieten wichtige generationsübergreifende Perspektiven für die Bewältigung der Ursachen der globalen Umweltkrisen. Die ganzheitliche Sichtweise auf Menschen, Natur und den Planeten als Mutter Erde, die in vielen indigenen Wissenssystemen und Wissenschaften zu finden ist und in indigenen Sprachen verwurzelt ist, zwingt auch dazu, die globalen Umweltkrisen als miteinander verbunden oder als verschiedene Aspekte einer einzigen Krise zu betrachten – der Krise in den Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Eine ganzheitlichere Weltanschauung kann sowohl eine bessere Perspektive auf die Ursachen – Belastungen und Triebkräfte – der Umweltkrisen bieten als auch ein tieferes Verständnis ihrer Auswirkungen auf lokale Gemeinschaften und indigene Völker, die auf über einem Viertel der Landfläche der Welt leben, diese besitzen und bewirtschaften.» (S. 100)
Konkret: «In letzter Zeit wächst die Erkenntnis, dass menschenzentrierte Umweltgesetze durch solche ergänzt werden können, die die Natur als Rechtsträger anerkennen. Die Erdrechtsphilosophie ist eine Rechtsphilosophie, die den Menschen als Teil einer grösseren Gemeinschaft betrachtet, in der das Wohlergehen jedes einzelnen Mitglieds vom Wohlergehen der Erde als Ganzes abhängt. (…) Im Jahr 2018 entschied der Oberste Gerichtshof Kolumbiens zugunsten einer Gruppe indigener Völker und gewährte dem kolumbianischen Amazonasgebiet Rechte, um es vor Abholzung zu schützen. Dieses Urteil steht im Einklang mit den Rechten der Natur, einem rechtlichen und philosophischen Rahmen, der in vielen Kontexten als Beitrag zur Erhaltung der biologischen Vielfalt anerkannt ist, indem er betont, dass die Natur Rechte hat, die mit denen des Menschen vergleichbar sind.» (S. 1147–1148)
Konkrete Massnahmen
Der UNEP-Bericht GEO–7 enthält auch konkrete Empfehlungen wie
- Kreislaufwirtschaft und Abfallvermeidung, ressourcenschonende Produktions- und Konsummuster fördern.
- Erneuerbare Energien wie Solar- und Windenergie müssen verstärkt genutzt werden.
- Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen muss beschleunigt werden.
- Reform des Lebensmittelsystems um nachhaltige Praktiken zu fördern und Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, eine gesunde, pflanzenbasierte Ernährung und nachhaltige Praktiken in der Lebensmittelproduktion zu fördern.
- Naturbasierte Lösungen sollten gefördert werden, um gesunde sozioökologische Systeme zu erhalten.
- Schutz und Wiederherstellung von Ökosystemen um den Verlust der biologischen Vielfalt zu bekämpfen.
- Länder mit hohem Einkommen sollten internationale Steuervorschriften stärken und grüne Technologien fördern, Länder mit niedrigem Einkommen benötigen Direktinvestitionen und Schuldenerlass, um finanzielle Hindernisse zu überwinden.
Ergänzt wird dies durch Methoden, wie man die Transformation organisieren könnte. Dabei werden «fünf Hebel der Transformation» genannt: Führung, Wirtschaft, Finanzen, Fähigkeiten und Wissen. Ziel ist eine Wirtschaft, die dem Wohlergehen der Ökosysteme und der biologischen Vielfalt Vorrang einräumt und eine nachhaltige Entwicklung anstrebt, die sowohl der Umwelt als auch der Gesellschaft zugute käme.
Das widerspricht dem Glauben, dass allein die «unsichtbare Hand des Markts» das gesellschaftliche Gemeinwohl optimal fördere. So steht es zwar nicht explizit im GEO–7, doch rechnen die AutorInnen vor, dass eine Transformation in diese Richtung allein aufgrund der geringeren Feinstaub- und Ozonbelastung zwischen 2030 und 2040 jährlich der vorzeitige Tod von 1,2 Millionen Menschen vermeiden könnte. (Seite 565) «Dies ist zwar mit Vorlaufkosten verbunden», heisst es bereits im Vorwort. Die Transformation würde Investitionen von schätzungsweise 6 bis 7 Billionen US-Dollar pro Jahr erfordern, um Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis 2050 zu erreichen. «Aber es gibt langfristige Renditen: Die globalen makroökonomischen Vorteile dieses Weges zeigen sich im Jahr 2050, wachsen bis 2070 auf 20 Billionen US-Dollar pro Jahr und steigen danach sprunghaft an.» Die gesamtwirtschaftlichen Vorteile könnten 2100 über 100 Billionen US-Dollar ausmachen. Das dürfte mehr als einem Viertel des prognostizierten globalen BIP im Jahr 2100 entsprechen.
Deshalb heisst der vollständige Titel des Berichts: «Die Zukunft, für die wir uns entscheiden – Warum Investitionen in die Erde jetzt zu einem Billionen-Dollar-Gewinn für alle führen können.»
Quellen
United Nations Environment Programme (2025): Global Environment Outlook 7: A future we choose – Why investing in Earth now can lead to a trillion-dollar benefit for all. Nairobi. https://wedocs.unep.org/handle/20.500.11822/49014
Zusammenfassung: https://wedocs.unep.org/items/454b9f13-200a-4197-9994-4dcda274295b