Das Buch «Systemsturz, Der Sieg der Natur über den Kapitalismus» des Japanischen Philosophs Kohei Saito enthält für die notwendige Transformation spannende Gedanken. Als Marx-Forscher benutzt er jedoch Begriffe, die für das Ziel, den Gedanken der Transformation weit in die Mitte der Gesellschaft hinein zu tragen, missverständlich sind. Hier also der Versuch, Saitos Ideen darzustellen, ohne belastete Begriffe zu verwenden.
Die Klima- und Umweltkrise zeigt auch gemäss Saito, dass es das Wirtschaftswachstum ist, das die Grundlagen des menschlichen Wohlergehens untergräbt. Angesichts der beginnenden Heisszeit zeichnet er ein Bild der möglichen kommenden gesellschaftlichen Szenarien:
In diesem Koordinatensystem wird es gegen oben zunehmend autoritär, während nach unten die Macht des Staates abnimmt. Auf der horizontalen Achse ist das Gesellschaftsmodell nach links egalitär, nach rechts nimmt die Ungleichheit zu.
Hier die Beschreibung der vier unterschiedlichen Perspektiven:
-
Klimafaschismus: Im Quadrant rechts oben platziert Saito ein System, wie es Naomi Klein und Astra Taylor in ihrem viel diskutierten Essay über den «Aufstieg des Endzeitfaschismus» analysieren. Saito beschrieb dieses Szenario bereits 2023: «In nicht allzu ferner Zukunft wird es für viele Menschen unmöglich sein, ein normales Leben zu führen. Auch Klimaflüchtlinge, die ihren Lebensraum verloren haben, werden mehr und mehr. Doch auf einen Teil der Superreichen trifft das alles nicht zu. Für sie ist der Katastrophenkapitalismus nur noch eine weitere Möglichkeit der Geschäftemacherei, die ihnen noch mehr Reichtum verschafft. Der Staat versucht, die Interessen dieser privilegierten Schicht zu schützen und geht daher hart gegen Klimaflüchtlinge und Klimawandelverlierer vor, die eine Bedrohung der neuen Ordnung darstellen.»
-
Ziviliations-Zusammenbruch (Saito verwendet hier den Ausdruck «Barbarei»): «Mit dem Fortschreiten des Klimawandels nimmt auch die Zahl der Klimaflüchtlinge zu, hinzu kommen Probleme mit der Nahrungsmittelproduktion, all das führt zu Hunger- und Armutsaufständen. (…) Durch die Rebellion der Massen kollabiert die Staatsgewalt, die Welt versinkt im Chaos.» Dies führe zu einem «Krieg alle gegen alle».
-
Klimadiktatur («Klima-Maoismus»): «Um (…) einen armutsbedingten Kampf ‹1 Prozent gegen 99 Prozent› abzuschwächen, werden Klimaschutzmassnahmen von oben herab diktiert. Die Prinzipien des freien Marktes und der freien Demokratie werden aufgegeben und eine zentralistische Diktatur errichtet.»
-
Die grosse Wende (Saito bzeichnet sie als «Degrowth-Kommunismus»): «Es muss noch einen Weg geben, der sich einem tyrannischen Etatismus oder aber der Barbarei entgegen stellt. Einen, der keinen starken Staat braucht – mit einer aktiven Demokratie und gegenseitiger Hilfe, die von den Menschen freiwillig getragen werden – und der die Lösung der Klimakrise in Angriff nimmt.»
Die fünf Säulen in Saitos Zukunftsvision
Saito entwickelt ein Modell, das sich fundamental sowohl von der kapitalistischen «Marktwirtschaft» als auch von dem Staatskapitalismus unterscheidet, auf dem die Systeme des ehemaligen Ostblocks beruhten. Dieses System beschreibt er als fünf Säulen.
Erste Säule: Wandel zur Gebrauchswertgesellschaft
«Das oberste Ziel des Kapitalismus ist Wertsteigerung», erläutert Saito. «Egal was es ist, Hauptsache es verkauft sich, so die Devise.» Dem setzt er den Gebrauchswert entgegen: Dieser umschreibe die Eigenschaft, «die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen, wie etwa Luft und Wasser das tun.» Das Ziel ist: «Weg von der Steigerung des Werts als Ware, hin zum Gebrauchswert und zur Planung und Kontrolle durch die Gesellschaft.» Daraus folgt: «Statussymbole und Luxusartikel, Werbung und Marken: Eine Produktion, die nur solche Sachen als wichtig erachtet und den Gebrauchswert ignoriert, ist im Zeitalter des Klimakrise lebensbedrohlich.» Somit gelte es, «mit dem Konsumismus, wie wir ihn heute kennen, zu brechen, die Produktion zum Wohle aller auf nötige Dinge umzustellen und sich gleichzeitig in Selbstbegrenzung zu üben».
Saito greift dafür auf traditionelle Wirtschaftsformen zurück, in denen ein grosser Teil der Ressourcen gemeinschaftliches Eigentum der jeweiligen Gesellschaft war: «Die Produktion des Gebrauchswerts und die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse durch sie war in vorkapitalistischen Gesellschaften zwar der eigentliche Zweck wirtschaftlicher Tätigkeit. Dieser Status wurde ihr jedoch geraubt. Sie wurde also zugunsten der Wertsteigerung geopfert.» Und zwar, in dem diese «Commons» oder «Allmende» privatisiert wurde.
Zweite Säule: «Verkürzung der Arbeitszeit»
«Wenn wir damit aufhören, unnütze Dinge zu produzieren, könnten wir auch die Gesamtarbeitszeit der Gesellschaft im grossen Umfang reduzieren. (…) Erhalten aber bliebe der Gesellschaft echter Wohlstand», nämlich die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse.
Dritte Säule: «Aufhebung uniformer Arbeitsteilung»
Dabei geht es neben dem Verzicht auf überflüssige Produktion vor allem um die Qualität der Arbeit: «Auch mit verkürzten Arbeitszeiten flüchten sich die Menschen zum Stressabbau in konsumistische Tätigkeiten, wenn die Arbeit langweilig und mühselig ist.» Somit handle es sich nicht nur darum, mehr Zeit neben der Arbeit zu haben «sondern auch darum, die Qualen und Sinnlosigkeit, die während der Arbeitszeit auftreten, abzuschaffen – kurzum, die Arbeit zu einer kreativen und selbstverwirklichenden Tätigkeit zu machen.» Dafür müsse man die Bandbreite der Tätigkeiten der ArbeiterInnen vielfältiger gestalten. Und legt man Wert auf eine gleichberechtigte Verteilung der Arbeitslast sowie den Beitrag zur Gemeinschaft, «führt das klarerweise auch zu einer Verlangsamung wirtschaftlicher Aktivitäten. Letzteres ist natürlich wünschenswert.»
Vierte Säule: «Demokratisierung des Produktionsprozesses: Je demokratischer der Produktionsprozess, desto langsamer die Wirtschaft»
«Um solche ‹Reformen der Arbeitsweise› umzusetzen, müssen Arbeiter das Recht haben, Entscheidungen über die Produktion zu treffen.» Dies im «Unterschied zu Entscheidungsfindungsprozesse moderner Unternehmen, in denen die Wünsche einiger Grossaktionäre vorrangig behandelt werden.» Dabei stellt Saito klar: «Die Sowjetunion hat solche Prozesse nicht zugelassen, weshalb sie auch zu einer von Bürokraten geführten Diktatur wurde.»
Fünfte Säule: «Fokus auf systemrelevante Arbeit: Für einen Wandel zur Gebrauchswertwirtschaft und die Wertschätzung arbeitsintensiver systemrelevanter Arbeit»
«Hat man für den Gewinn (=Wert) aber die masslose Erhöhung der Arbeitsproduktivität im Auge, geht das letztlich auf Kosten der Qualität (=Gebrauchswert) der Dienstleistung.» Dies verdeutlicht Saito am Beispiel der Pflege: Muss eine Pflegerin oder ein Pfleger sich um mehr Menschen kümmern, geht dies auf Kosten der betreuten Personen, «die keine Beschleunigung wünschen». Die Aufwertung der Care-Arbeit ist also eine der tragenden Säulen in Saitos Vorschlag dessen, was wir hier als die «Grosse Wende» bezeichnen.
Beurteilung
Die bildhafte Beschreibung der möglichen Zukunftsszenarien und die fünf Säulen zeigen eine tiefgreifende Analyse. Soll sich nicht endgültig ein System durchsetzen, in dem einige Superreiche die Schönheit des Planeten und die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen opfern, bei gleichzeitigem Aufbau von persönlichen Refugien, in denen sie meinen, sich vor den Folgen von Klimakatastrophe und Artensterben zu schützen, dann ist eine positive Vision, dann ist Hoffnung notwendig: Beispielsweise die fünf Säulen.
Schiffe wie die Tres Hombres und weitere kleine Initiativen setzen einen Teil dieser notwendigen Positiv-Erzählung praktisch um. Beispielsweise kann man die von Saito beschriebene, notwendige Entschleunigung beim Laden und Löschen erfahren, weit entfernt von der Effizienz des Containerumschlags. Wären das Leben an Bord und die jährlichen Arbeiten, um das Schiff zu überholen, nicht mit erfahrbarem Sinn sowie Raum für Kreativität verbunden, könnte ein solches Projekt nicht überleben.
Ein Fragezeichen ist hingegen hinter Saitos Bezeichnung «Degrowth-Kommunismus» zu setzen. Wollen wir die Klimakrise und die mit ihr verbundenen weiteren Krisen auf demokratische Weise stoppen, ist ein breites gesellschaftliches Bündnis nötig. Dafür stehen wir unter einem immensen Zeitdruck. Ein Begriff wie «Kommunismus» dürfte viele verschrecken, da sie damit Diktatur und Überwachungsstaat verbinden, also das, was Saito als Klima-Maoismus beschreibt und ablehnt. Für die politische Diskussion der notwendigen Transformation ist ein Ausdruck wie die «Grosse Wende» eher mehrheitsfähig.