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Gespeichert von d.haller am

 

Hier geht’s zur Website von Kate Raworth, die das zukunftsfähige Bild der Wirtschaft entwickelt hat. Und hier einer ihrer Vorträge (englisch).

Der Begriff «Donut-Ökonomie» (Doughnut Economy) wurde von der Oxford-Ökonomin Kate Raworth entwickelt. Sie geht davon aus, dass die Entwicklung des Bruttoinlandprodukts (BIP), dargestellt in Kurven, die möglichst nach oben zeigen sollen, ein im 21. Jahrhundert nicht mehr adäquates Bild einer nachhaltigen Wirtschaft bietet: Die planetaren Grenzen und die menschlichen Grundbedürfnisse sind in einer rein auf Wachstum ausgerichteten Grafik nicht berücksichtigt. 

Raworth entwickelte das Bild zweier konzentrischer Kreise: 

  • Der innere bildet die Bedürfnisse der Menschen ab wie beispielsweise Nahrung, Obdach, Bildung, Gesundheit etc., also das soziale Minimum. Dieses orientiert sich an an den von der UNO beschlossenen Nachhaltigkeitszielen. 

  • Der äussere Kreis steht für die Grenzen, wichtiger planetaren Ressourcen, wie beispielsweise die Biodiversität, das Klima oder die Land- und Wassernutzung. Die dauerhafte Überschreitung dieser Grenzen gefährdet die Lebensgrundlagen auf der Erde. Der äussere Kreis steht also für das ökologische Maximum. 

Der Raum zwischen den Kreisen stellt den Bereich dar, in dem die Menschheit in Sicherheit gut leben und sich entwickeln kann. Diese Leitbild für nachhaltiges Wirtschaften bezeichnet sie der ringförmigen Form des amerikanischen Süssgebäcks entsprechend als Donut. Die ökonomischen Ziele «sollen neu ausgerichtet werden, indem die weit verbreitete Ausrichtung auf Wirtschaftswachstum durch die ökologischen» und sozialen Kriterien ersetzt werden.

Die Donut-Ökonomie nimmt also eine kritische Haltung zum Wirtschaftswachstum ein, fordert eine Post-Wachstums-Wirtschaft. Dies betrifft die reichen Staaten und die einkommens- und vermögens-starken Bevölkerungsgruppen. Da wo heute Mangel herrscht, soll dagegen Wachstum möglich bleiben. 


Der Donut ist möglich

In der Schweiz haben Wissenschaftler der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt EMPA nachgerechnet. Ergebnis der Studie: Der Donut ist möglich:

«Wir stellen fest, dass alle berücksichtigten planetarischen Grenzen für 8,0 bzw. 10,4 Milliarden Menschen mit einer Wahrscheinlichkeit von 81 % bzw. 73 % eingehalten werden können. Dies erfordert jedoch ein fossilfreies Energiesystem, eine weitgehend vegane Ernährung sowie den Verzicht auf zusätzliche Umwandlung von Ackerland. Um einen sicheren und gerechten Handlungsspielraum tatsächlich zu schaffen und zu vergrössern, müssten die Kohlendioxidemissionen, die Biodiversität sowie die Phosphor- und Stickstoffemissionen weiter reduziert werden, vor allem durch verbesserte landwirtschaftliche Praktiken und Materialkreisläufe.»

Der Bundesrat (die Schweizer Exekutive) wies dann mit einer Medienmitteilung auf diese Studie hin. Dabei zitiert der Bundesrat einen der Autoren der Studie:

«Wir konnten zeigen, dass ein angemessenes und ökologisches Leben für mehr als zehn Milliarden Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit möglich ist. (…) Allerdings braucht es dafür einen grundlegenden Wandel in vielen Systemen, mit denen wir diese essentiellen Güter und Dienstleistungen bereitstellen.»

Änderung des Denkens

Zu diesem Grundlegenden Wandel gehören gemäss Raworth neue Ziele und ein neues Denken:

  1. Das bisherige Ziel des BIP-Wachstums muss ersetzt werden durch eine Wirtschaftssystem, das ein auskömmliches Leben aller Menschen im Donut verwirklicht.
  2. Die Vorstellung vom Markt als Grundlage für effizientes Wirtschaften soll ersetzt werden vom Bild einer Wirtschaft, die in Natur und Gesellschaft eingebettet ist.
  3. Das Menschenbild des Homo oeconomicus, der nur sein Eigeninteresse verfolgt, und sich als Herrscher über die die Natur versteht («Macht Euch die Erde untertan!») muss überwunden werden. Ziel ist der soziale, anpassungsfähige und von der lebendigen Welt abhängige Mensch.
  4. Die Vorstellung vom Markt, der mit unsichtbarer Hand ein Gleichgewicht erzeugt, ist gemäss Raworth veraltet. Sie sieht Wirtschaft als komplexes System mit Rückkopplungen.
  5. Verteilungsgerechtigkeit: Die Wirtschaft müsste so organisiert werden, dass produzierter Wert und Vermögen besser verteilt werden.
  6. Eine saubere Umwelt ist Voraussetzung. Deswegen müssten Industrie regenerativ und auf Kreislaufwirtschaft ausgerichtet werden.

     

    Ist der Donut im Kapitalismus möglich?

    Die Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit erhebt nicht nur Kate Raworth. Sie ist nicht zuletzt als zehntes Ziel in den Nachhaltigkeitszielen der UNO verankert. Auch der Club of Rome erhebt die die Forderung in der Studie Earth for all. Das setzt Umverteilung voraus. Raworth benutzt das Wort «redistribution» – Rückverteilung.

    Dies ist, wie nicht zuletzt der japanische Philosoph Kohei Saito anmerkt, nicht möglich in einem System, dessen Ziel es ist, aus investiertem Geld – also Kapital – noch mehr Geld zu machen. Dies begünstigt jene, die viel investieren können. «Wer da hat, dem wird gegeben», heisst es schon in der Bibel. Volkstümlich ausgedrückt: «Der Teufel scheisst immer auf die gleichen Haufen.» Der Effekt ist eine bisher in der Menschheitsgeschichte wohl einmalige Konzentration von Reichtum in wenigen Händen, wie sie beispielsweise die NGO Oxfam auch bezüglich der Klimakatastrophe analysiert: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung produziert gleich viel Treibhausgase wie die ärmsten zwei Drittel.

    Auch wenn Raworth dies an keiner Stelle sagt: Das Ziel eines Systems, das ein gutes Leben für alle ermöglicht, führt zur Forderung nach Überwindung des Kapitalismus. Dies soll jedoch nicht in staatskapitalistischen Systemen enden, wie sie im ehemaligen Ostblock (eben nicht) funktioniert haben. Vielmehr geht es unter anderem um die Ausweitung demokratischer Kontrolle über jene Bereiche, die derzeit privatwirtschaftlich kontrolliert zu immer noch grösseren Schäden an den Lebensgrundlagen des Planeten führen. Denn je länger wir in den reichen Ländern über die Verhältnisse leben und Ressourcen verschwenden, die eigentlich den kommenden Generationen gehören, desto dünner wird der Donut und somit der Raum für ein sicheres, gutes Leben für alle.

    Eine kapitalismuskritische Diskussion findet jedoch in den nationalen weltweiten Donut-Netzwerken kaum statt. So ist es möglich, dass sich selbst das World Eoconomic Forum WEF – ein Forum der Mächtigen und Reichen – zustimmend zum Donut äussert. 

    Die Transformation zu einer ökologisch und sozial gerechten Welt kann jedoch nicht beim «Design» der Wirtschaft stehen bleiben, sondern erfordert reale Taten. Die NGO Oxfam drückt dies deutlich aus: 

    «Die Welt braucht einen gleichberechtigten Wandel. Nur eine radikale Verringerung der Ungleichheit, transformative Klimaschutzmassnahmen und eine grundlegende Neuausrichtung unserer gesellschaftlichen Wirtschaftsziele können unseren Planeten retten.»