«Was nützt es, die Weltwirtschaft anzukurbeln, wenn sie dabei den Planeten verbrennt und den Grossteil des damit erzielten Reichtums an die Superreichen kanalisiert?», fragt der UN-Sonderberichterstatter zu extremer Armut und Menschenrechten, Olivier De Schutter im Video, das weiter unten eingefügt ist. Diese Frage hat auf den ersten Blick nicht viel mit dem Segelantrieb von Frachtschiffen zu tun. Doch für all jene politischen Segel-Projekte, die mit Blick auf die Planetaren Grenzen nicht nur unter dem Aspekt «WIE wird transportiert?» die Antriebstechnik austauschen, sondern zuerst die Frage «WAS wird WARUM transportiert?» stellen, liefert der Professor – unter anderem an der Katholischen Universität Löwen (Belgien) – Anregungen für die notwendige Transformation.
De Schutters Bericht (Human Rights Council, 2024) fokussiert auf Armut und Menschenrechte. Der Internationale Gerichtshof in Den Hag hat im Sommer 2025 einstimmig festgestellt – unter anderem auf Initiative von pazifischen Inselstaaten wie Vanuatu –, dass eine gesunde, nachhaltige und saubere Umwelt ein Menschenrecht ist. Somit ist die Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte immer auch eine Forderung nach Einhaltung der Planetaren Grenzen: Wird der Planet übernutzt, so wie es aktuell geschieht, so verletzt dies unter anderem die Menschenrechte der kommenden Generationen. Doch De Schutter betont: «Der Schritt von einer Wirtschaft, die auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, hin zu einer menschenrechtsorientierten Wirtschaft ist möglich und – um die Grenzen unseres Planeten nicht zu überschreiten – notwendig.»
Weg vom «Wachstumswahn»...
De Schutter betont, dass die Orientierung auf Wirtschaftswachstum nicht nur zur Überschreitung von – aktuell sieben von neun – planetarischen Grenzen führt. Vielmehr werde das Wachstum «durch die Ausbeutung der Ressourcen des globalen Südens angeheizt, in einem postkolonialen Herrschaftsmuster, das durch den Würgegriff der Auslandsverschuldung aufrechterhalten wird.» Wirtschaftswachstum erfordere einen immer weiter steigenden Energie- und Rohstoffverbrauch auf ein untragbares Niveau. «Konsumgewohnheiten bestimmter Bevölkerungsgruppen, vor allem in reichen Ländern, haben die Erde weit über den sicheren Handlungsspielraum hinausgetrieben.» So habe sich die Rohstoffgewinnung seit Mitte der 1970er Jahre verdreifacht. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) rechne damit, dass die Rohstoffgewinnung bis 2060 um weitere 60 Prozent steigen werde. Infolge menschlicher Aktivitäten seien 75 Prozent der Landfläche der Erde erheblich verändert worden, und 66 Prozent der Meeresfläche sei zunehmenden Mehrfach-Belastungen ausgesetzt.
Die oft propagierte Entkoppelung des Wachstums von der Umweltbelastung sei gescheitert: «Grünes Wachstum findet nicht statt.» Wo es Staaten gelingt, die Treibhausgas-Emissionen zu senken, sei dies oft mit einer Auslagerung Kohlenstoff-intensiver Produktion in Länder mit schwächeren Umweltgesetzen verbunden. Dies bewirkt dann – das steht zwar nicht explizit in De Schutters Bericht – auch das Wachstum des Seefracht-Volumens und die entsprechende Zunahme der Belastung der Meere.
… hin zu einer menschenrechtsorientierten Wirtschaft
Die Wirtschaft müsse auf Postwachstums-Szenarien ausgerichtet werden. Dies bedeute nicht Sparmassnahmen. Auch sei der bewusste Verzicht auf Wachstum in den «übergewichtigen» Ländern des globalen Nordens nicht mit einer Rezession zu verwechseln, obwohl Rezessionen durch negative Wachstumsraten gekennzeichnet sind. Vielmehr bedeute die Ausrichtung der Wirtschaft auf eine Zukunft jenseits des Wachstums die demokratische Planung eines Übergangs zu einer anderen Wirtschaft so, dass sie gleichzeitig Wohlbefinden, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit fördert.
Ungleichheit und Konsumismus überwinden
Ungleiche Gesellschaften befeuern einen permanenten Wettlauf um Status durch Konsum. Der Lebensstil der Reichen treibe das das konsumorientierte Modell des heutigen globalen Wirtschaftssystems an. Dieses beruhe auf der ständig steigenden Produktion und dem Kauf von Konsumgütern, um das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten, das die planetaren Grenzen verletzt. Je länger die riesigen Einkommensunterschiede bestehen bleiben, desto mehr Ressourcen werden verwendet, um Wünsche der Reichen zu befriedigen, anstatt die Bedürfnisse der Armen zu decken.
Ziel müsse sein, sich aus dem Teufelskreis zu befreien, in dem die Überproduktion durch das Ankurbeln von Überkonsum in den Markt gedrückt wird. So seien die Menschen in einem Kreislauf aus Arbeit und Konsum gefangen. Dieser stelle ein Hindernis für ein erfülltes Leben dar. De Schutter schlägt das Verbot von Werbung vor, und das Recht auf Reparatur, um nachhaltigen Konsum zu fördern.
Der Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, die für die Wahrnehmung der Menschenrechte notwendig sind, müsse auf der Konsumseite weniger von der Kaufkraft und damit vom Zugang zu gut bezahlten Jobs abhängig werden. Die Produktionsseite sollte sich stärker auf die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse konzentrieren und weniger auf die Befriedigung von Wünschen, die durch Marketing-Strategien erzeugt und durch Statusangst angeheizt werden.
Förderung der Sozial- und Solidarwirtschaft
Deshalb seien Unternehmen der Sozial- und Solidarwirtschaft zu fördern. Deren Ziel bestünde nicht darin, Investoren zu belohnen, sondern die Bedürfnissen der Gemeinschaft zu befriedigen. Solche Unternehmen müssten demokratisch geführt werden: Anstatt dass Stimmrechte an die Höhe des investierten Kapitals gekoppelt sind, habe jeder Stakeholder – Investor-Arbeitnehmer, Investor-Verbraucher oder Investor-Lieferant – eine Stimme. Die Einbindung der ArbeitnehmerInnen in strategische Unternehmens-Entscheidungen, einschliesslich in globalen Lieferketten, würde den Anreiz verringern, die Umwelt-schädlichsten und arbeitsintensivsten Teile der Produktion in Länder auszulagern, in denen Umweltvorschriften kaum existieren und die Löhne tief sind.
Arbeitszeit verkürzen
Die Verkürzung der Arbeitszeit kann helfen, die Belastung der Ökosysteme zu verringern. Erstens führt eine kürzere Arbeitszeit in der Regel zu geringeren Einkommen, was einerseits die Haushalte zwingt, weniger zu konsumieren. Im Gegenzug gewinnen sie Zeit für weniger energieintensive Konsumgewohnheiten: Sie können Mahlzeiten selber zubereiten anstatt Fertiggerichten zu kaufen. Und sie können für ihre Selbstversorgung beispielsweise Gemüse selber anbauen, wodurch sie weniger abhängig vom Markt werden. Die Verkürzung der Arbeitszeit könne den ökologischen Fussabdruck um bis zu 12,1 Prozent verringern, schreibt De Schutter.
Demokratie ausbauen
De Schutter stellt fest, dass die Superreichen übermässigen politischen Einfluss ausüben. Die Stärkung der Demokratie sei daher für einen ein Postwachstums-orientierten Entwicklungsansatz notwendig: «Insbesondere partizipative Formen der Demokratie können es ermöglichen, die weit verbreitete Annahme in Frage zu stellen, Wachstum und Wohlbefinden oder Glück sei von Wachstum abhängig.».
Demokratische Prozesse sollen die vorhandenen Ressourcen in erster Linie für ein angemessenes Niveau an öffentlichen Dienstleistungen in Bereichen wie Gesundheit, Bildung, öffentlicher Verkehr, Energieversorgung und Wohnungswesen verfügbar machen. Sie sollen die soziale Absicherung gewährleisten, anstatt der Nachfrage der Gruppen mit der höchsten Kaufkraft zu dienen. In diesem Sinne sei eine Zukunft jenseits des Wachstums eine Zukunft, die sich auf die uneingeschränkte Verwirklichung der Menschenrechte konzentriert – das genaue Gegenteil davon, soziale Rechte «dem angeblichen Bedürfnis nach Kürzung öffentlicher Ausgaben zu opfern».
Garantierte Grundversorgung
Eine universelle Grundversorgung z.B. bezüglich Gesundheit, Wasser oder Wohnen soll Ungleichheiten abbauen. Dadurch würden ArbeitnehmerInnen auf andere Weise als durch bezahlte Arbeit Zugang zu ihren Lebensgrundlagen erhalten. Eine Arbeitsplatzgarantie und die Bereitstellung universeller Grundversorgungsleistungen würde es den Unternehmen erschweren, auf «Arbeitsplatz-Erpressung» zurückzugreifen. Damit würde die Steigerung von Gewinnen nicht über die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen oder der Gemeinschaften gestellt.
Konsequente Besteuerung der Reichen
De Schutter argumentiert, die Konzentration von Reichtum innerhalb einer kleinen Elite fördere die Treibhausgasemissionen. Angesichts von Superyachten und Privatjets leuchtet das unmittelbar ein. Doch weist De Schutter darauf hin, dass der Grossteil der Emissionen der Reichsten die Folge ihrer Investitionsentscheidungen sei, und nicht von ihrem Konsum. Das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung sei für 23 Prozent des gesamten Emissionsanstiegs seit 1990 verantwortlich, während die ärmste Hälfte nur 16 Prozent des Emissionsanstiegs verursacht habe.
Vor diesem Hintergrund schlägt De Schutter vor, aggressive Steueroptimierungsstrategien zu bekämpfen, die den Steuerwettbewerb zwischen den Staaten antreiben. Der grenzüberschreitende Steuermissbrauch durch Unternehmen und die Verlagerung von Vermögen in Steueroasen würden zu Einnahmeausfällen von insgesamt 480 Milliarden Dollar führen. Eine Vermögenssteuer von 1,5 bis 3Prozent für die 65 000 Personen mit mehr als 100 Millionen Dollar Vermögen würde dagegen jährliche Einnahmen von 300 Milliarden Dollar generieren. «Dies würde nicht nur die öffentlichen Einnahmen erhöhen, sondern auch die Notwendigkeit verringern, die Menschen dazu anzuregen, mehr zu arbeiten und mehr zu konsumieren, um die Steuereinnahmen des Staates zu steigern. Ausserdem würde es die absurd hohen Ungleichheiten bekämpfen.»
Neokoloniale Strukturen überwinden
De Schutter geht auch auf die Ungleichheit zwischen den Ländern ein: «Während die Volkswirtschaften der reichen Länder überdimensioniert sind, sind die Volkswirtschaften der Länder mit niedrigem Einkommen noch zu schwach: Sie sollten in ihren Bemühungen um weiteres Wachstum unterstützt werden.»
Für die Überwindung der Abhängigkeiten zwischen Nord und Süd müsse man die Verringerung des Nord-Süd-Handels und stattdessen den Ausbau des Süd-Süd-Handels sowie die Förderung lokaler und regionaler Märkte ins Auge fassen. Dazu gehöre die Stärkung der Produktionskapazitäten von Entwicklungsländern zur Deckung ihres eigenen Bedarfs, unter anderem durch Technologietransfer und den Schutz junger Industrien. Hinzu komme ein Schuldenerlass, um sicherzustellen, dass hochverschuldete arme Länder nicht gezwungen sind, für globale Märkte zu produzieren, sondern stattdessen den Bedürfnissen lokaler Gemeinschaften Vorrang einräumen können.
Kommentar aus Sicht der Segel-Frachtschiffe
De Schutter kommt als UN-Funktionär zu Schlüssen, die sich weitgehend mit denen von unter anderem den WissenschaftlerInnen von Earth for all, den Vorschlägen von Kohei Saito oder der Idee einer Donut-Wirtschaft decken: Überwindung der Ungleichheit, Stärkung und vor allem Ausbau der Demokratie. Die Ermächtigung der Frauen benennt er nicht ausdrücklich, weist aber darauf hin, dass sie den grössten Teil der unbezahlten Reproduktionsarbeit leisten, ohne die das aktuelle Wirtschafts- und Wachstumssystem nicht funktionieren könnte.
Entscheidend für das Einhalten der planetaren Grenzen ist die Orientierung auf eine Produktion zur Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse. Kurz: Raus aus der Verschwendung, Konzentration auf’s menschlich Wesentliche!
Bezogen auf die Schifffahrt: Immer schnellere und global angelegte Transportsysteme auf der Basis fossiler Treibstoffe insbesondere durch die Containerschifffahrt ermöglichen die Verlagerung der Produktion an weit entfernte Orte mit dem Ziel, die Produktionskosten zu senken und Extraprofite abzuschöpfen. Den VerbraucherInnen stehen Produkte zu niedrigeren Preisen zur Verfügung weil Umwelt- und Arbeitsstandards umgangen werden. Solche Transportsysteme sind umweltschädlich, sozial destruktiv und funktionieren aufgrund kapitalintensiver Strukturen. Diese sind mit politischer Macht verbunden.
Es geht deshalb um mehr als nur darum, den Transport zu dekarbonisieren, indem man den Antrieb der einzelnen Schiffe verändert, dabei aber innerhalb der konsumkapitalistischen Logik zu bleiben. Die politisch motivierten Segelfracht-Projekte fordern deshalb ein systemisches Umdenken wie es beispielsweise Olivier de Schutter für die UNO skizziert. Die Kämpfe gegen Klimawandel, Artensterben und planetare Systemkrisen sind nicht zu trennen von den Kämpfen für Menschenrechte und gegen neokoloniale Strukturen, Ungleichheit und Ausbeutung.
Quellen
Amalia Ordóñez Vahí (2024): Connecting the dots between inequality, poverty, and human rights beyond growth. https://www.universal-rights.org/connecting-the-dots-between-inequality-poverty-and-human-rights-beyond-growth/
Olivier De Schutter (2024): Obsession with growth is enriching elites and killing theplanet. We need an economy based on human rights. https://www.theguardian.com/global-development/article/2024/jul/02/obsession-with-growth-is-enriching-elites-and-killing-the-planet-we-need-an-economy-based-on-human-rights-olivier-de-schutter?utm_source=chatgpt.com
Human Rights Council (2024): Eradicating poverty beyond growth. Report of the Special Rapporteur on extreme poverty and human rights, Olivier De Schutter. https://digitallibrary.un.org/record/4049146?v=pdf
John Szabo, Thomas SJ Smith, Leon Leuser (2022): An overview of strategies for social-ecological transformation in the field of transportation, in: Nathan Barlow, Livia Regen, Noémie Cadiou, Ekaterina Chertkovskaya, Max Hollweg, Christina Plank, Merle Schulken and Verena Wolf (2022): Degrowth & Strategy how to bring about social-ecological transformation. https://www.degrowthstrategy.org/wp-content/uploads/2023/09/Degrowth-n-Strategy-2022.pdf
Hier eine deutsche Maschinenübersetzung des UN-Berichts. Diese ist nicht perfekt, unter anderem sind die Übergänge zwischen den Seiten oft holprig. Doch erleichtert die Übersetzung die Lektüre.
Hier der englische Originaltext.